Tradition ohne Muff im Solling
“Es braucht ein ganzes Dorf….“ Die Schleppjagd in Neuhaus im Solling ist ein einzigartiges Kunstwerk, das unzählige Menschen gemeinsam formen und auf die Strecke bringen. Auch die 61. Version vor leuchtend bunter und ganz schön bergiger und damit anspruchsvoll zu reitender Herbstkulisse war wieder ein Erlebnis – nicht nur für Hunde, Reiter und Pferde, sondern auch für – nicht gelogen! – Hunderte von Zuschauern.

Alles atmet Geschichte in Neuhaus. Schon das Stelldichein auf der Pfarramtswiese vor dem historischen Stallgebäude des Gestüts, wo im 18. und 19. Jahrhundert isabellfarbene Hannoveraner mit dunklem Aalstrich für royale Präsentationen gezüchtet wurde – heute das „Haus des Gastes“ - ist eine imposante Kulisse.

Vor 70 Jahren kamen die Foxhounds aus Dorfmark zum ersten Mal in den Solling. Seit 30 Jahren steht die Schleppjagd in der Hand von Torsten Koßmann. Nach fünf Jahren als Schleppenleger, 25 Jahren als Jagdherr „und 130 Sprüngen über die Steinmauern“ übergab er jetzt die Organisation und das Amt an seine Nachfolgerin Anna-Kathrin von der Goltz.
Und Tradition haben auch die Schaumküsse für die Reiter beim Curée – sie sind mindestens ebenso begehrt wie der Pansen bei den Hunden. „Egbert hat immer drei Stück gegessen“, verriet Torsten Koßmann dem Master Casimir von Schultzendorff über dessen Vater, der vor ihm lange die Hunde in Neuhaus geführt hat.

Auch die vielen Zuschauer - der Herbst-Spaziergang am Schleppjagd-Sonntag - ist Tradition in Neuhaus. Schon der Kalender der Niedersachsenmeute von 1989 erwähnt „riesige Zuschauermengen“. Die sind nicht nur eine logistische Herausforderung bei ihrer Führung durch das Gelände, sondern auch für die Equipage: viele Zuschauer, sie bedeuten auch zahlreiche Fremdhunde dicht an der Schleppe, Lautstärke beim Anlegen und gelegentliches Überqueren der Schleppe. Aber das wurde alles locker gehandhabt und bestens gemeistert.

Wie meinte der Fotograf Thomas Ix so treffend: „Gut, dass es nicht gebrannt hat in Neuhaus, denn die Feuerwehrleute waren alle bei der Jagd im Einsatz.“
Und Casimir von Schultzendorff als Master steht sowieso für Lockerheit in der Hundeführung. Schert ein Hund beim Stelldichein oder in der Pause mal kurz aus, um einem Zuschauerhund freundlich ‚Guten Tag‘ zu sagen, dann sagt er nur: „Ich habe Vertrauen“. Und das wurde auch niemals enttäuscht. Alle 10 ½ Koppeln blieben vollzählig dabei auf den insgesamt acht Schleppen.

So viel Geschichte und Tradition, das steht in Neuhaus aber ganz und gar nicht für „ollen Muff“. Im Gegenteil: auffällig viele junge Reiter waren dabei, viele mit Ponys, die ohne zu zögern alle Hindernisse angingen, auch die charakteristischen Mauern aus Solling-Sandstein, aufgeschichtet nach englischem Vorbild in Zeiten des Gestütsbetriebs.


„Auf die Sprünge geholfen“ haben auch die insgesamt vier Vorbereitungslehrgänge mit namhaften Ausbildern wie Andreas Weiser und Celestina Löbbecke, die Grundlagen für das Reiten im Gelände vermittelten. Mit Hilfe von Sponsoren wurde diese Basis-Arbeit finanziert. Wenn es laut Sprichwort „ein Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen“, so kann es bestimmt nicht schaden, ein ganzes Dorf hinter sich zu wissen, wenn eine Schleppjagd zu veranstalten ist. Der Holzmindener Bürgermeister Christian Belke begrüßte die Jagdreiter und ehrte Torsten Koßmann mit einer Urkunde für seine sachkundige Umsetzung des mittlerweile städtischen Angebots „Schleppjagd“.

Die Person, die hinter allem steht, ist Alicja Wiatr. Die Mitarbeiterin im Tourismusamt verantwortet das Projekt Schleppjagd, das die Stadt Holzminden seit drei Jahren im Rahmen ihres Angebots für Touristen finanziert – die einzige Kommune in Deutschland, die den Schleppjagdsport subventioniert, anstatt ihn mit immer neuen Ver- und Geboten eher zu sabotieren.

Mit Charme und unstillbarem Drive nimmt sie jede Kleinigkeit in den Blick. Wiatr hat selbst nichts mit Pferden zu tun, aber ist längst eine „Jagdreiterin ehrenhalber“. „Ich lerne jedes Mal dazu“, saugt sie die vielen Details auf, die mit den Hunden, Pferden, Reitern zusammenhängen und führt mit lockerer Hand alle Feuerwehrleute aus Neuhaus und Silberborn am langen Zügel, motiviert die erwachsenen Kinder von Freunden und Bekannten, Schilder aufzuhängen, Absperrungen zu bilden und überall einzuspringen, wo Hände fehlen. Für die Zuschauer hat sie im „Haus des Gastes“ einen Herbstmarkt mit wunderschönen und thematisch passenden Angeboten organisiert. Und da auch eine Kommune unzähligen Erlassen für die öffentliche Ordnung unterliegt, hat sie auch die bei größeren Menschenansammlungen inzwischen obligatorischen Anti-Terror-Bestimmungen optisch ansprechend umgesetzt: Die Lücken zwischen den uralten Eichen an der Pfarramtswiese wurden mit Veteranen aus dem Traktorschuppen des ortsansässigen Oldtimer-Clubs verbarrikadiert – oder mit dicken Solling-Sandsteinbrocken aus dem örtlichen Revier – geliefert vom pferdefreundlichen Förster (und Ortsbürgermeister in Neuhaus) Lars Metje. „Das sieht doch schöner aus als Betonsperren“, findet sie. Stimmt!

Text: Petra Schlemm und Bilder: Thomas Ix. Mehr von ihm unter www.foto-ix.de



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