top of page

Cornet und Franziskus hielten Hof

War es das exklusive Programm, der zentrale Veranstaltungsort Münster oder die Tatsache, dass die Mitglieder der Cappenberger Meute als Mega-Partymacher bekannt sind – in jedem Fall hatte die Jahrestagung der Deutschen Schleppjagdvereinigung Teilnehmerzahlen „wie in Vorkriegszeiten“. Die Einladung mitten ins Pferdeland Westfalen hatte über 150 Jagdreiter angelockt - aktive genauso wie ehemalige - und dementsprechend fröhlich verlief das gesamte Wochenende der Fachgruppe Jagdreiten im Deutschen Reiter- und Fahrerverband.



Zeige einem Reiter ein Pferd und er guckt wie gebannt hin. Und was für Pferde waren zu sehen bei diesem Cappenberger Programm: Bei Kai Ligges und seiner Tochter Marie war Cornet Obolensky der Star – 25 Jahre alt inzwischen, heil aus der Ukraine zurückgekehrt und selbstbewusst wie eh und je. „Ich bin der König und Ihr dürfte gerne niederknieen“ schien er zu sagen und stellte sich in Pose.






Bei der Hengststation Holkenbrink war Franziskus der Meistbewunderte unter etlichen Großen, ob Siegerhengst oder Bundeschampion. Mit seinem souveränem, gelassenen Auftritt vergrößerte er die Fangemeinde, die ihm und seiner Auch-Jagdreiterin Ingrid Klimke jetzt für einen Auftritt bei Olympia 2024 in Paris noch fester die Daumen drückt.



Begegnung war die Überschrift des diesjährigen Jagdreitertreffs:  Kommunikation untereinander und Öffnung nach außen. Für Gespräche mit anderen Anhängern des „Sport in Rot“ bot die Tagung allerbeste und ausführliche Gelegenheit – nicht nur an dem reichhaltigen Buffet, zusammengestellt von Cappenberger Mitgliedern und genossen in langentbehrter Sonne auf dem Hof Holkenbrink.



Kontakt suchen in die Öffentlichkeit – die Notwendigkeit dafür wird immer stärker erkannt, und das Bemühen setzt sich immer mehr durch, denn es gibt viele Vorurteile zu entkräften – Nein, die Hunde hetzen kein lebendes Wild und: Nein, Jagdreiter sind keine elitären Champagnerschlürfer, die keine anderen Sorgen haben als im Keller ihr Geld umzuschaufeln. Viele Meutehalter sind inzwischen auf Instagram und YouTube unterwegs, auf Facebook sowieso schon lange. Nicht nur in der Haltung von Pferden sondern erst recht in der Haltung von vielen Hunden im Rahmen einer Meute gibt es viel mehr Alltage als Festtage. Diesen arbeitsreichen aber faszinierenden Alltag auch nach außen vermehrt darzustellen, dazu forderte der DSJV-Vorsitzende Egbert von Schultzendorff die Tagungsteilnehmer mehr als einmal auf.




Gute Nachrichten in der Mitgliederversammlung zum Schluss des langen Jagdreiter-Festwochenendes: Die Zucht stabilisiert sich wieder. Für die Junghundeschau am ersten Samstag im Juli sind wieder mehr Hunde zu erwarten, nachdem die Zahlen in Corona-Zeiten stark zurückgegangen waren. Verstärkt werden inzwischen Zuchtlinien aus anderen Meuten in Deutschland eingekreuzt, weniger aus dem Mutterland England eingeführt. „Und wir werden weiter digitalisieren für einfacheren Eintrag in das Zuchtbuch der DSJV“, kündigte Zuchtreferent Chris Gabrielse an.

Einen „Ritterschlag“ verkündete Dr. Konstantin Mettenheimer, Vorsitzender des Schleppjagdvereins der Taunusmeute. Demnach will sich die „Countryside Alliance“ das deutsche System der Betriebssicherheitsprüfung zu eigen machen, um dem von der britischen Labour Party geplanten Totalverbot des Jagdreitens Argumente entgegenzusetzen. In Deutschland ist diese Prüfung als „Führerschein“ nach nunmehr zwölf Jahren zur Gänze anerkannt und wird von den Meutehaltern gegen die letzten Zweifler auch engagiert verteidigt.




Neue Zielgruppen avisieren ist das Gebot der Stunde, die Nachwuchsarbeit vorschreibt. Der RWS hat dazu eine erfolgreiche Veranstaltungsreihe „Hunting meets Eventing“ aufgelegt, die jetzt sogar in „richtigen“ Qualifikationsprüfungen für das Bundeschampionat der Geländepferde gipfelt. Hunting-Referent Philipp Jakob hat gute Erfahrungen gemacht mit Geländereitern, die nicht so sehr turniersportlich engagiert sind, aber keine Scheu vor dem Reiten abseits eines Dressurvierecks haben. Diese Neulinge kämen alle in ein gesetztes, von Tradition geprägtes Umfeld. Wie traditionell, das zeigten die Ehrungen, für die Egbert von Schultzendorff Urkunden überreichte: an den Hamburger Schleppjagdverein für 100 Jahre des Bestehens, die Hardtmeute für 50, Badische Dragoner für 40 und die Rheinlandmeute für 20 Jahre.


Zwei Vorträge unterbrachen die Mitgliederversammlung: Mathias Vogt (Borgholzhausen), Vorsitzender des Zuchtverbandes für Senner und Beberbecker Pferde referierte über „Senner Pferde – Deutschlands älteste Reitpferdezucht“. Er beschrieb die Historie – erster Zuchtnachweis in der Senne von 1160 (!) - und die Gegenwart einer heute seltenen, und erhaltungswürdigen Nutztierrasse als lebendes Kulturgut sowie deren heutige Einsatzmöglichkeiten, u.a. bei der Jagd und in der Vielseitigkeit. Aktuell gibt es 25 eingetragene Stuten, in 2024 werden sechs Fohlen erwartet.


Dr. Michael Weiler (Steffenberg), Repräsentant der DSJV im Jagdgebrauchshundeverband (JGHV), stellte die relevanten Abschnitte der neuen Tierschutzverordnung vor und zeigt die Konsequenzen für Meutehalter daraus auf. Die neuen Gesetzesvorlagen bedeuten starke Einschränkungen. Meutehalter werden als gewerbliche Züchter eingestuft sofern sie mehr als drei fortpflanzungsfähige Hündinnen im Kennel haben – also alle (!) - und müssen demnach einen Sachkundenachweis von einer Veterinärbehörde erbringen. Das „Gassigesetz 2022“ schreibt vor, dass Hunde mindestens zweimal am Tag Auslauf von jeweils einer Stunde haben müssen. Welpen müssen täglich vier Stunden Kontakt zum Menschen haben und betreut werden. Außerdem müssen säugende Hündinnen, gestaffelt nach Widerristhöhe, das Doppelte an „Wohnfläche“ haben wie in den Vorschriften allgemein festgeschrieben. Außerdem darf nur noch mit positiver Verstärkung erzogen werden, und die Meutehalter sind zur Betriebssicherheit verpflichtet.  Auf mehr als einen knallenden Einsatz der Hetzpeitsche sollte in einem zunehmend sensibleren Umfeld verzichtet werden, denn negative Verstärkung ist nach der neuen Tierschutzverordnung unbedingt verboten.  



Blumiger Dank an die Macherinnen eines Mega-Tagungswochenendes in Münster

Und es geht immer weiter, auch als Fachgruppe im Bundesverband: Die Beagle Meute Münsterland richtet die Tagung 2025 aus. Treffpunkt dazu wird Ende April am Kennel-Standort in Marl sein.

Text und Fotos: Petra Schlemm

632 Ansichten

Comentários


bottom of page