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Schleppjagd und Vielseitigkeit

 

Lernen mit Meistern, Teil I



 
Reiten unter den Augen eines Weltmeisters? Dieser Traum wird für 20 Reiter auf dem Daelshof im Rheinland wahr. Dort schickt Frank Ostholt seine Wochenend- Schüler über Gymnastikreihen, ins Wasser, über Tiefsprünge und im Schrägflug über Dächer. Sein Credo:
Rhythmus und der „pessimistische“ Geländesitz.



 

Gut: Die Reiterin (o.) schaut voraus, ihre Hände gehen Richtung Maul, sind leicht geöffnet, damit sich das Pferd im Hals strecken
und ausbalancieren kann. Die Unterschenkel liegen fast am Gurt, um die Landung abzufedern. Das ist Training bei Weltmeister
Frank Ostholt (l.).

Frank Ostholt gibt den Takt an. „Galopp – Galopp – Galopp.“ Motivation
schiebt er mit einem dicken Lob hinterher: „Guuuut so!“


Was der Mannschafts-Weltmeister in der Vielseitigkeit im rheinländischen Kevelaer beim Lehrgang sagt, saugen die 20 Teilnehmer auf wie ein trockener Schwamm das Wasser. Kein
Wunder: In Aachen waren sie für den Weltmeister als Fanclub dabei. Jetzt sitzen sie im Sattel und Ostholt schaut zu. Reiter Revue
will wissen, was der Weltmeister den Vereinsreitern und ihren Trainern beibringt.

Das perfekte Promi-Training

Das Programm ist voll: Einen Tag wird in Zweier-Gruppen je eine Stunde dressurmäßiges Lösen und Springgymnastik gemacht:
Von der Galoppstange am Boden bis zur Oxerreihe. Am Abend präsentiert Ostholt im Reiterstübchen Theorie für Reiter
und Ausbilder. Er zeigt anhand vieler Bilder, welche Sitzform gut und welche schlecht ist. Am zweiten Tag werden im Gelände in Vierer-
Gruppen sämtliche Hindernistypen ausgetestet – immer unter den Gesichtspunkten Reitersitz, Rittigkeit und Rhythmus.

 

In gleichmäßigem Takt und Tempo galoppiert das Pferd über die Stange. Ziel ist Rhythmus. Nur die runtergedrückten Hände blockieren den Oberkörper der Reiterin.

 

 

Der Stoff, aus dem der Ostholt-Unterricht ist, ist die Basis der Reitlehre, die Skala der Ausbildung: Takt. Losgelassenheit. Anlehnung ... . „Eigentlich immer das Gleiche“, findet Ostholt. Was das Wochenende auf dem Kevelaerer Daelshof für die Teilnehmer so anders macht, liegt an der Einstellung der Reiter: Der Weltmeister ist eine echte Respektsperson – selbst wenn ihn die Teilnehmer spontan duzen. Die Achtung vor Ostholts Erfolg schafft bei den Reitern absolute Konzentration und den unabdingbaren Willen, die Aufgaben gut zu lösen.

Keinesfalls rückwärts reiten

Das Ergebnis der Ausbildungsskala ist bekannterweise das durchlässige Pferd. Den Weg dorthin gestaltet Ostholt während der zwei Lehrgangstage so logisch wie ein Kartenhäuschen: Eins baut auf das andere auf. Angefangen mit einer klassischen Lösephase. Hier soll die Trakehnerstute unter ihrer Reiterin Isabell gelassen statt hektisch traben. Beide starteten in Vielseitigkeitsprüfungen der Klasse A. Die Stute ist laut Isabell sehr speziell und „bleibt gerne mal stehen.“ Umso wichtiger ist das Vertrauen zum Reiter – und das will Frank Ostholt über Ruhe aufbauen. „Ruhiger Trab, bis sie Takt und Rhythmus findet.“ Die Trakehnerstute soll, wie alle Teilnehmerpferde, rhythmisch über eine einzelne Stange gehen, über drei Galoppstangen, über In-Outs auf gebogener Distanz zu einem Oxer mit vier Galoppsprüngen, und weiter über eine Oxer-Reihe. Erst alles einzeln, zum Schluss zusammenhängend. Am nächsten Tag über einen Baumstamm, über zwei Baumstämme, über ein Dach, schräg nacheinander über drei Dächer, die Treppenstufen rauf und runter, über einen Tiefsprung in den Wald und schlussendlich ins Wasser. Ins Nass wird kein Pferd gezwungen. Ostholt achtet darauf, dass die Pferde erst in Vierergruppen mit Hilfe des Herdentriebs durchs Wasser schlendern, dann alleine im Schritt, dann Trab, Galopp, als Abschluss über einen Sprung in den See.

Tempo spart Kraft

„Galopp – Galopp – Galopp“, pocht Frank Ostholt immer wieder auf Tempo und Rhythmus. „Nicht zurückhalten und dann irgendwann zureiten. Ein gewisses Grundtempo hilft dem Pferd“, so der Weltmeister. Dabei unterscheidet sich das Springen im Gelände vom Parcours, da der Absprung nie genau auf die letzten zehn oder 20 Zentimeter zu bestimmen ist. „Dann ist der richtige Fluss wichtig. Die Pferde müssen zum Mitdenken erzogen sein, der Reiter soll mit der Hand dranbleiben ohne zu stören.“ Aus zu langsamem Tempo und aus einem wenig aktiven Galopp zu springen, kostet beim unpassenden Absprung Mühe – auf Dauer wird das anstrengend und die Pferde verlieren die Lust. Das lernt Lora Moses: „Mir hat Frank immer wieder gesagt, dass ich nicht so viel ziehen und keine Panik bekommen soll.“ Ostholt selbst hat Freude am Lehrgang. „Egal, ob es Klasse E oder S ist: Hauptsache, das vielseitige Reiten macht Pferd und Reiter Spaß und motiviert sie.“ Toll findet er, dass in den unteren Klassen der Fortschritt besonders deutlich zu sehen sei.

Knifflig statt gewaltig

Fortschritte gibt es aber nur, wenn die Rittigkeit stimmt. Das geht längst auch die Vielseitigkeitsreiter an, längst auch außerhalb des Vierecks:„Typisch in den letzten Jahren sind schmale Sprünge im Gelände geworden. Die prüfen Rittigkeit und Gehorsam der Pferde ab“, erklärt Frank Ostholt. Klar: Wenn die Pferde querfeldein galoppieren, bleibt ein schmaler Baumstumpf schnell links liegen.

Lösephase – Ostholt fordert, dass die Pferde sich vorwärts-abwärts ans Gebiss dehnen. So zieht das durchgehende Nackenband über die Dornfortsätze am Widerrist den Rücken hoch. Jetzt wölbt er sich und kann den Reiter besser tragen. Hektische Pferde sollen dabei ruhig traben. Erst wenn Balance und Takt gefunden sind, wird das Hinterbein mehr mobilisiert.

Wechsel Leichttraben-Aussitzen – Viele Pferde kennen die Gewohnheit in der Lösephase: Der Reiter trabt leicht, sobald er aussitzt, folgt die Galopphilfe. Dieses Muster wird durch den Wechsel von Leichttraben und Aussitzen unterbrochen. Das Pferd soll sich bei dem Wechsel nicht verkrampfen, sondern abwarten, Rhythmus finden und an den Hilfen bleiben.

Gymnastik für den Rücken – In-Outs, Sprung- Reihen wie: Galoppstange, Cavaletti, ein Galoppsprung, Oxer, ein Galoppsprung, Oxer, ein Galoppsprung, wieder Oxer. Das sorgt dafür, dass sich das Pferd etwas aufnimmt, falls es nicht ganz passend in die Reihe kommt.

Das Gelände-Tempo – Der Reiter bestimmt Tempo und Weg. Das Pferd soll im Fluss und gleichmäßigen Rhythmus die Sprünge ganz selbstverständlich überwinden. Falsch ist: Vor dem Sprung zurückzuhalten oder gar rückwärts zu reiten und kurz vor dem Absprung Gas zu geben und loszureiten.

Der Geländesitz – Die Steigbügel werden zwei bis drei Löcher kürzer als beim Springen geschnallt. Im hohen Tempo zwischen den Sprüngen kommt das Gesäß etwas weiter aus dem Sattel. Der Schwerpunkt des Reiters liegt etwas weiter vorne. Das Knie etwas aufmachen und die Wade ans Pferd bringen, um dem Pferd so Sicherheit zu geben. Wer zu fest mit dem Knie quetscht, dessen Wade ist schon rein anatomisch weg vom Pferd. Damit fehlt auch die sichere Basis des Reiters. Das Gewicht des Geländereiters soll in Bügel und Fußgelenk abgefedert werden, um Rumpler und Stöße besser aussitzen zu können. Die kommen ab und zu vor, weil das Pferd im Gelände unbekannten Situationen begegnet: unterschiedliche Bodenverhältnisse, verschiedene Hindernistypen. Manchmal sieht es erst im Absprung, wo es landen wird und kann einen Sprungablauf abbrechen oder stocken.

Gesunder Pessimismus – Der Sitz des Reiters soll etwas pessimistisch, also auf jede Situation gefasst sein. Damit der Reiter auch bei einem Rumpler sicher sitzt, muss er die Bügel mit dem Fuß etwas mehr austreten und über dem Hindernis den Oberkörper nicht so weit nach vorne werfen wie beim Stangenspringen. Das ist auch nicht erforderlich, weil die Hindernisse draußen nicht so hoch sind. Ein guter Sitz ist Sicherheit für beide: Kommt der Reiter aus der Balance, bringt er nämlich das Pferd in Gleichgewichtsschwierigkeiten. Deshalb sollen Ellbogen und Hände elastisch sein, die Finger leicht geöffnet, damit die Zügel zur Not durchrutschen können. So hätte das Pferd die Freiheit, sich mit seinem Hals selbst auszubalancieren.

 


Tiefes Abtauchen über Geländesprüngen ist unnötig (l.), weil die Reiterin nichts mehr sieht und die Hindernisse nicht so hoch sind. Rechts sitzt der Reiter in Balance tief und nah beim Pferd. Er
schaut ganz korrekt auf den weiteren Weg zum nächsten Sprung.

 

Der Reiter lenkt, das Pferd denkt

„Pferde müssen mitdenken und lernen, auf die ausgeflaggten roten und weißen Fähnchen am Hindernis zu achten und da durchspringen zu wollen. Die Strecken haben sich gewandelt. Die Gewaltsprünge sind weg, dafür wird die Rittigkeit stärker geprüft“, sagt Ostholt. Deshalb ist seine vielgepriesene „Aufgabenteilung“ zwischen Reiter und Pferd wichtig: Der Reiter wählt Tempo und den Weg, das Pferd ist für den Sprungablauf zuständig. „Jeder Boden und Untergrund ist anders, Wasser sowieso. Jeder Platz hat seinen eigenen Charakter, deshalb solltet Ihr immer wieder neue Plätze besuchen“, rät Ostholt. Auf die Frage, wieviel Training für die Pferde nötig ist, antwortet Ostholt diplomatisch: „So viel wie nötig, um fit zu sein – so wenig wie möglich, um fit zu bleiben.“ Überhaupt gibt es keinen allgemeingültigen Trainingsplan: Die Tagesform ist ebenso wichtig wie die Voraussetzungen beim Pferd. Erfahrene Pferde kennen das Spiel. „Der hat den Bergabsprung so gut gemacht, das müssen wir nicht nochmal wiederholen!“, bremst Ostholt auch gern mal die Reiter-Euphorie zugunsten der Pferde. Immer wieder wird Ostholt gefragt: Nach dem richtigen Anreite-Weg, nach seiner Einschätzung ihrer Pferde. Abiturient Niklas Hebing will wissen, wie er zur Bundeswehrsportschule kommt, ein kleiner Junge fängt Frank Ostholt ab: „Bitte ein Autogramm ...“. Es ist eine Chance, beim Promi zu trainieren. Nebenbei lauschen die Teilnehmer, wenn Ostholt erzählt, dass sein „Jojo“, also WM-Pferd Air Jordan, richtig gut drauf ist und die fliegenden Wechsel inzwischen springt wie ein Dressurkracher. Im Rhythmus natürlich, den Ostholt vorgibt: „Galopp – Galopp – Galopp.“

 

 

 

 


 

 

Texte/Fotos: Cornelia Höchstetter

Wir danken der Reiter Revue für die Bereitstellung.