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Cledith – Berufsziel: Jagdpferd – 5.Teil

Das erste Mal! Alles trainiert, was als „Trockenübung“ möglich ist. Jetzt gilt es – und geht dann nicht immer so glatt wie erhofft. Axel Henrich berichtet von den Fortschritten und Aussetzern auf dem langen Weg zum Jagdpferd. Aber die Zukunft ist rosig.

Jetzt geht es endlich los! Wir haben alles trainiert, was uns als Vorbereitung möglich war, und fahren zur Jagd-Premiere auf Baumanns Hof. Eingeladen haben Hans und Claudia Nagel und wir haben uns bewusst für diese Jagd entschieden, weil einen Tag vor der Jagd ein Ausritt durch das Jagdgelände stattfindet. Besser geht es nicht für eine Debütantin.
Also alle Vorbereitungen getroffen und mittags Verladen - Julchen geht übrigens ganz alleine in den Anhänger. Sie steht unterwegs wie eine Eins. Angekommen, eingecheckt, und gestaunt wie viele Reiter es ebenso machen wollten. Es waren um die 40! Soviel zum „kleinen Ausritt“.
Beim Satteln merkte ich schon, wie die Spannung bei Julchen stieg. Sie fiel zwar nicht auf, war aber sehr angespannt. Aufsitzen und hinter Catrin und ihrem Sandmann her, die ich mir als Führungspaar ausgesucht hatte und im Schritt auf den Stelldicheinplatz. Alles gut bis dahin. Dann hieß es Aufmarschieren und der Einweisung in den Ausritt durch Hans Nagel folgen.
Eine gefühlte Minute hat die Jule es ausgehalten, dann konnte sie die Spannung in sich nicht mehr ertragen, und aus der "Coolen Jule" wurde eine "Wilde Hilde". In Galopptraversalen mit eingebauten Bucklern entfernte sie sich wohl 100 Meter von der Truppe. Jetzt hieß es Ruhe bewahren und sie nicht durch Strafendes noch mehr in Panik zu versetzen. Mit beruhigender Stimme und etwas Reitkunst brachte ich sie zum Aufgeben dieser Aktion, und lenkte sie wieder in Richtung der anderen Pferde, was sie dann auch irgendwann annahm.
Während der erster Trabstrecke vermittelte mir die Jule, dass das noch nicht alles gewesen sei, und ich mich besser anschnallen sollte. Und so kam es dann auch. Buckelnd und pullend erklärte sie mir, wie weit weg sie noch von einem anständigen Jagdpferd sei, und das ging noch über drei weitere Abschnitte, die am folgenden Tag als Schleppen geritten werden sollten. Das Buckeln war nicht so schlimm wie es sich jetzt vielleicht liest, da sich ja alles im Vorwärts abspielte. Auch das Pullen bereitete kaum Probleme, weil sie durchaus auf ihrem Platz im Feld blieb, wenngleich sie sich dabei aber stark aufrollte.
Nun ist es aber auch so, dass "Strecke machen", Pullen und Buckeln anstrengend sind und siehe da, nach dem dritten oder vierten Abschnitt hatte sie sich ausgetobt, und ließ sich - oh Wunder! - reiten wie zu Hause.
In dieser jetzt wieder guten Verfassung kamen wir zu den Hindernissen, welche wir, natürlich hinter unserem erfahrenen Führpferd, alle mit Bravour gemeistert haben. Aus der wilden Hilde war wieder die coole Jule geworden, und es war ein Gedicht, sie zu reiten. Mit diesem guten Gefühl beendeten wir den Tag, und Jule ging in ihre Box, nicht ohne vorher mit vielen Leckerlies und Streicheleinheiten belohnt zu werden.


 Tag II in fremder Umgebung und Jagdtag!
In Anbetracht der Erlebnisse des Vortages habe ich mir vorsichtshalber beim Jagdherrn und beim Huntsman Dispens geholt, beim Eintreffen der Meute und bei der Ansprache, den Helm aufzubehalten und mein Pferd etwas bewegen zu dürfen. Hans Nagel und Bernd Funke hatten vollstes Verständnis, und ich konnte die Vorsichtsmaßnahmen treffen, die mir geboten schienen. Schon beim Satteln merkte ich, dass Jule heute deutlich entspannter war als am Vortag. Aufsteigen, Schritt zum Sammelplatz, alles ging am langen Zügel in relativ entspannter Haltung - zu meiner großen Freude.
Spannung kam bei mir noch einmal auf als die Meute den Platz betrat. Aber die Jule blieb cool und würdigte die Hunde nur eines kurzen unaufgeregten Blickes und blieb bei der Jagdherrenansprache zu meinem großen Erstaunen völlig ruhig stehen. Es versprach ein toller Jagdtag zu werden.
Nun kam die Nagelprobe: Wird Julchen Jagdpferd oder was beschert uns die erste Jagd? Um es vorweg zu nehmen, sie löste ihre Aufgabe hervorragend. Erste Trabstrecke mitten im Feld einsortiert, Julchen "an der Hand" und "vor mir", kein Pullen, kein Buckeln - diesmal hatte ich mir Bärbel mit ihrem Pferd, später war es Chantal mit ihrem Schimmel  zum Führen ausgesucht, was auch ganz prima funktionierte.


Erste Schleppe, ein bisschen Buckeln, aber gut im Feld zu reiten - fairerweise habe ich die Reiter hinter mir drauf aufmerksam gemacht, dass sie nur buckelt, aber nicht ausschlägt. (So weit man da sicher sein kann…)
Zweite Schleppe, alles gut. Julchen geht fast wie eine Maschine, geschickt auf den Beinen meistert sie die unterschiedlichen Bodenverhältnisse, die Kurven im Wald, und lässt sich wunderbar auf Abstand zum Vordermann reiten, und das bei gutem Tempo.
Dritte Schleppe, die ersten Sprünge kommen; alle Sprünge gut, fair und einladend gebaut, und Jule geht sie an wie eine Alte, vorsichtig, umsichtig, gut und selbstständig springend. Sie ist ein Traumpferd - und wenn sie jetzt noch einen Traum-Reiter hätte ...
Vorletzte Schleppe: Julchen ging wie eine Eins, zwei Sprünge hintereinander, erster Sprung gut, und dann passierte es:
Der Reiter machte gleich mehrere Fehler, der erste war, dass er meinte, sein Pferd "auf groß schicken“ zu müssen (1. Fehler) , ein junges, gerademal auf seiner ersten Jagd befindliches Pferd "schickt" man nicht, sondern lässt es sich seinen Absprung selber suchen, zumal in einem für das Pferd ungewohnt hohem Tempo gesprungen wird. Mein Hintermann sagte mir später, es wäre auch "zu groß" gewesen (2. Fehler: zu großes Auge), und dann stehe ich, den Absprung erwartend auch noch auf, und lege mich nach vorne (3. Fehler), statt in meiner Position zu bleiben und beim Absprung lediglich in der Hüfte einzuknicken!
Das Resultat: irgendwann über dem Sprung bekomme ich in meiner unmöglichen Position den Sattel unter den Hintern geknallt, steige nach oben aus, und als mich die Schwerkraft wieder erreichte war kein Pferd mehr dort, und ich knallte aus einer beträchtlichen Höhe auf den Heideboden, wo ich erst mal aufgrund erheblicher Schmerzen liegen blieb und mich nicht mehr bewegen wollte.


Nach einigen Minuten ging es dann wieder und ich stellte fest, dass nichts gebrochen, aber mein Pferd weg war. Julchen war mit den anderen mitgelaufen, ließ sich auch gut einfangen, und hat dann auch noch sofort die Handpferde-Prüfung bestanden, da Freund Florian Kallert sie in allen drei Gangarten den Rest der Jagd, eben als Handpferd, mitnahm, was sie auch problemlos mitmachte. Macht ja auch nicht jede sofort. Am Halaliplatz nahm ich Julchen dann wieder in Empfang - die Sanitäter waren so nett gewesen, mich dorthin mitzunehmen - und ich konnte unverdienterweise noch den Bruch empfangen.


 Was habe ich draus gelernt:
 1. Ein junges Pferd ist ein junges Pferd, und nicht die Neuauflage des alten erfahrenen Pferdes, also reite ein junges Pferd auch als solches!
Da ich schon seit vielen Jahren kein junges Pferd mehr geritten habe, ist mir der Fehler unterlaufen, diese Debütantin, nachdem sie sich gut anfühlte, zu reiten wie einst meine Paisley Park, die uns aus jeder Situation in die ich uns herein gebracht hatte, sicher wieder heraus geholt hat.
2. Man kann noch so erfahren sein und die beste Lehre der Welt kennen, können, und auch unterrichten, aber es unterlaufen  einem trotzdem die dusseligsten Fehler! (Aber der 2. Sturz vom Pferd auf einer Jagd in meiner „Karriere“ - ich denke, mit dieser Bilanz kann ich leben.)
Julchen hat das Ganze überhaupt nichts ausgemacht. Sie hat an allen Tagen gut gefressen, und ich bin sicher, dass sie zum Jagdpferd taugt. Sie ist so herrlich ausbaufähig, ich freue mich schon auf die nächste Frühjahrsjagd Mitte Mai mit ihr - dann hoffentlich mit etwas mehr "Kopf" beim Reiter!
Text: Axel Henrich und Fotos: Pixel Thomas
Zur ersten Folge der Serie geht es hier:

Zur vorigen Folge hier: