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Jagdeignung als Qualitätsurteil in Trakehnen

Der Trakehner Verband hat im Dezember 2019 die Leistungen der Trakehner Stute Helena von Laurel als Grundlage für eine Stutenleistungsprüfung anerkannt: 145 Jagden in vierzehn Jahren. Wir berichteten darüber, siehe  hier. Diese aktuelle Entscheidung des Zuchtausschusses ist Anlass genug, um an die Anfänge der Leistungsprüfungen zu erinnern, die in Trakehnen im Rahmen von Schleppjagden erfolgten.

Das preußische Hauptgestüt Trakehnen war das erste, in dem alle jungen Pferde angeritten und im Jagdfeld auf ihre Veranlagung und Leistungsbereitschaft hin getestet wurden. Der Durchbruch mit einer vielseitigen Leistungsprüfung gelang v. Oettingen mit der Errichtung des großen Boxenstalls, in dem der später legendäre Jagdstall eingerichtet wurde, und der gedeckten Reitbahn im Jahr 1898. Seit dem Jahr 1907 verfügte Trakehnen auch über eine Meute. Für den Beritt wurden talentierte junge Reiter engagiert, die in dem ebenfalls neu errichteten Reitburschenhaus untergebracht waren. Trakehnen bot wie kein anderer Ort das ideale Jagdreitgelände. Durch die Entwässerung einer mehr als 6000ha großen Wiesen- und Sumpflandschaft waren eine Vielzahl von großen und kleinen Wasserläufen, Gräben und Wällen entstanden. Mit der Einzäunung der Weideflächen- auch eine der vielen bahnbrechenden Initiativen v. Oettingens - kamen eine große Zahl von Koppelricks als Hochsprünge und kombinierte Wegesprünge hinzu. Am ersten Juli setzte die eigentliche Jagdsaison ein. Bereits nach sechs bis acht Wochen behutsamer Ausbildung gingen dann die Dreijährigen die Schleppjagd hinter den Hunden über die natürlichen Gräben und Zäune, durch Wasserläufe und Klettergräben, über Doppelsprünge und Wälle.

Nicht zu vermeiden war der ein oder andere Sturz oder ein unverhofftes Bad im Pissakanal. Die Anforderungen an die Aufmerksamkeit und das Taxiervermögen der jungen Pferde waren recht hoch.  Um sich selbst davon überzeugen, wie die jungen Pferde die ihnen gestellten Aufgaben meistern, ritten die Landstallmeister zumeist die Jagden mit. Gräfin Marissa v. Sponeck , die “Mutter“ des Jagdstalles, hat als leidenschaftliche Jagdreiterin während der Regentschaft ihres Mannes keine Jagd versäumt. Wer kennt nicht ihr wunderbares Skizzenheft über die im Jahr 1921 stattgefundenen Jagden? Beobachtungen über Verhalten und Vermögen der Pferde im Jagdfeld wurden in einem speziellen Buch festgehalten. Turnier- und Rennreiter aus aller Welt sowie Offiziere wurden gern als Teilnehmer an den Reitjagden gesehen. Für die erfolgreicher Teilnahme während einer gesamten Jagdsaison lockte eine besondere Auszeichnung, die Verleihung des von v. Oettingen gestifteten “Trakehner Knopfes“. Einer der begeisterten Turnierreiter, der Mitte der 20-er Jahre an einer Trakehner Jagd teilgenommen hat, war Hans – Viktor v. Salviati.
Von ihm stammt der folgende authentische Bericht mit dem Titel: Trakehner Jagden: „Vor einigen Jahren schrieb Gustav Rau über ein Ostpreußisches Privatgestüt: „ Wer Lenken (namhaftes Privatgestüt in Ostpreußen) gesehen hat, kann ruhig sterben“. Ich möchte dasselbe von dem sagen, wer in Trakehnen Jagden geritten hat, denn er hat dort den höchsten Genuss gehabt, den der Pferdemann haben kann, auf einem edlen Pferd hinter schnellen Hunden über ein Gelände zu reiten, wie man es in Deutschland eben nur dort findet. Was sind im Vergleich hierzu Jagdspringen oder Geländeritte, wenn auch die Hindernisse höher sind und das Akrobatenstück des Pferdes größer ist; es fehlt eben der Zauber der Jagd! Schon in dem prachtvoll gehaltenen Jagdstall, aus dem die Pferde wie Morgenglanz, Kampfgesell, Hartherz und Partner hervorgingen, sieht man, dass alles etwas ganz Besonderes ist. Dann, beim Aufsitzen, keiner der Dreijährigen bockt oder buckelt, sie haben alle Vertrauen zu ihrem Reiter und unwillkürlich wünscht man sich einige Trakehner Reitjungens als Remontereiter , wenn man an die Bilder bei Remonteabteilungen denkt, wo sich der Reitlehrer oft in der Arena voll wilder Tiere sieht. Das ganze Trakehner Jagdgelände mit seinen Eichen- und Birkenalleen ist durchzogen von Gräben, Ricks und Wällen, die die einzelnen Weiden voneinander trennen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich der Reitdamm, der Judenweg, der Hasenwaldzaun, der Tränkegraben, faule Gräben und der große Trakehner Sprung, ein 2 Meter hoher Wall mit beiderseits Gräben und oben darauf an einem Rande mit Hecke. Die Alleen sind eingefasst mit Gräben und Ricks. In den meisten Gräben, die durchschnittlich drei bis vier Meter breit sind, stehen Koppelricks, die sogenannten Trakehner Sprünge.
Bild Pissakanal
Das alte arabische Sprichwort von dem höchsten Glück dieser Erde bewahrheitet sich, wenn man auf Pferden wie Anthrazit, Amalgan, Postmeister, Coiffizient über diese Sprünge “segelt“. Sie alle haben inzwischen ihre Trakehner Paradies verlassen, um – hoffentlich recht sportbeständige Besitzer zu tragen. Draußen, wenn die zwei Schlepper anreiten und die Hunde angelegt werden, verfolgt jedes Pferd das alles mit gespitzten Ohren, und man fühlt die Freude, dass es jetzt “los“ geht. Keines dieser Pferde pullt, alle gehen aufmerksam an langem Zügel, jeder der kleinen, oft schmächtigen Reitjungen, reitet seinen Strich; keiner stört den anderen. Vor dem Felde, als Vorbild für alle, auf einem großlienigen Rappen Oberlandstallmeister Graf Lehndorff, ein echter Reiter der feinen Alten Schule, wie man sie nur noch auf englischen Stichen sieht. Ganz kurz will ich den Verlauf einer solchen Jagd schildern.
Vom Fleck weg setzt sich das Feld in sehr flotter Fahrt in Bewegung. Man sieht die Hunde einen Graben springen und von selbst ziehen alle Pferde an, um im langen Sprung über die 4 Meter zu fliegen. Dann kommt ein achtungsgebietender Holzzaun; 5 Meter dahinter muss ein breiter, bis zum Rande mit Wasser gefüllter Graben durchklettert werden. Halbrechts sieht man in einer Wiese sich einen schnurgeraden Wall hinziehen. Mit einigen Sprüngen sind die Pferde oben und “besinnungslos“ geht`s hinunter in die Pissa, jenseits mit einem Rumpler hinauf und weiter. Es folgen einige Koppelricks etwa 1,10 Meter hoch, einige Gräben, zwei Alleen mit beiderseits Ricks in Gräben stehend, dann geht`s über den Graben auf die Chaussee, jenseits über ein Rick im Graben in die Tiefe. Bei einem sehr tiefen, breiten Graben springen einige Pferde zu früh ab und landen auf der Nase und ihren gekrümmten Vorderbeinen, die Pferde prusten, krabbeln heraus, weiter. Wundervolle federnde Weiden, ein kleiner Wall und vor uns taucht die mit dem Himmel abschneidende Silhouette des sich lang hinziehenden Trakehner Walls auf. Mein 3-jähriger “Statist“ hat ihn noch nie gesprungen, doch ich merke, dass er das Herz eines Löwen hat und überlasse ihm die Einteilung des Sprunges. Ruhig zieht er dagegen; über den Graben springt er wie eine Katze an den Rand, hinauf, ein Federn in den Sprunggelenken und in gewaltigem Satz landen wir über die am Rand stehende Hecke und den dahinter liegenden Graben hinweg im jenseitigen Felde. Ich klopfe den braven Fuchs und schwöre von neuem auf das Herz der Trakehner! Noch 200 Meter, ein kleiner Graben, Halali!

Die Jagden sind durchschnittlich 4 Kilometer lang, gegen Ende der Saison länger und sehr schnell. Ebenso steigern sich Zahl und Abmessung der Sprünge, so dass im September und Oktober Anforderungen an die Pferde gestellt werden, wie wohl in keinem anderen deutschen Jagdfelde. Dabei sieht man allen Pferden an, wie gut ihnen die zwei Jagden pro Woche bekommen. (Im Ganzen wird viermal in der Woche Jagd geritten.) An den übrigen Tagen wird 1 bis 2 Stunden im Gelände geritten, wobei 1000 bis 1500 Meter galoppiert wird. Hierbei lernen die Pferde, erst im Schritt kletternd, dann im Trabe und endlich im Galopp ganz von selbst geradeaus zu gehen und in jedem Hindernis etwas Selbstverständliches zu sehen. Sattelmeister Kiaulehn, dem der Jagdstall untersteht, weiß genau, dass man mit Ruhe und Geduld – ohne Sporen - jedem jungen Pferd alles spielend beibringen kann, und dass Ungezogenheiten fast immer Schuld des Reiters sind, der vergisst, dass ein Pferd keine Maschine ist und allem Neuen gegenüber erst seine natürliche Angst zu überwinden lernen muss. Wenn alle Reiter immer wieder daran dächten, ehe sie zur Peitsche Sporen, Klopfstange und anderen Mitteln greifen, gäbe es wohl weniger sogenannte Verbrecher und dem von Natur aus gutmütigsten Tier unseres Planeten blieben viele Qualen erspart.
"Wer wirkliche Befriedigung in unserem schönsten Sport haben will, dem rate ich, im Herbst nach Trakehnen zu fahren, er wird es nicht bereuen“.

Gefunden bei: trakehnenverein.de
Quelle: Monatliche Mitteilungen des Turnier-Herren Reiter u. Fahrverbandes , 2. Jg. ( 1926) Heft 12