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Jaron und der große Graben

„Schleppjäger-Latein“ hat Bettina Viehöfer aufgeschrieben. Die Pferde- und Hundefreundin aus Solingen hat viele Jahre als JT (analog zum TT = Jagdtrottel, Deckenhalter, Sattelzeug-Saubermacher, Mädchen für alles) verbracht und unter anderem Beobachtungen bei der Warendorfer und der Sauerland-Meute gesammelt. Ähnlichkeiten in ihrer Geschichte „aus alten Zeiten“ mit lebenden Personen sind nicht rein zufällig.

Jarons heitere Jagderlebnisse
Mein Name ist Jaron. Ich bin ein 25 Jahre alter brauner Wallach. Mein Gesicht mit dem hübschen weissen Fleck auf der Stirn wirkt deutlich jünger, so sagt man. Auch sonst sieht man mir mein Alter nicht auf den ersten Blick an. Mein Mensch hat mich gut gehalten und gepflegt. Ich bin Rentner, genau wie mein Mensch. Wir sind seit mehr als 20 Jahren zusammen und haben in dieser langen Zeit einiges erlebt.

Der Herbst ist neben dem Frühling für mich eine der schönsten Jahreszeiten. Die Sonne brennt nicht mehr so unbarmherzig wie im Sommer. Sie wärmt meine alten Knochen auf angenehme Art und Weise. Es gibt nicht mehr so viele Plagegeister in der Luft, die den Aufenthalt im Freien zur Tortur werden lassen. Kurz und gut: man kann entspannt auf der Weide herumstolzieren, hier und da ein paar ausgesuchte Kräuter naschen, den Blick in die Ferne schweifen lassen und zuschauen, wie die Sonne tapfer gegen die letzten Reste von Tau ankämpft.

An schönen Herbsttagen döse ich auch mal einfach so vor mich hin und lasse dabei mein Leben Revue passieren. Gerne erinnere ich mich an ein Erlebnis, das schon fast 20 Jahre zurückliegt.

Mein Mensch hatte beschlossen, dass wir zwei schmucken Kerle an einer so genannten Herbstjagd teilnehmen sollten. Das Ereignis, heute sagt man eher Event, warf seine Schatten schon einige Tage voraus. Mein Sattelzeug wurde auf Hochglanz poliert, der Schmied rückte an. Ich bekam extra neue Hufeisen, damit ich bei der Jagd auch gut zu Fuß war. Zur Freude meines Menschen wurde auch gerade das große Feld in der Nachbarschaft abgeerntet. So hatten wir die Möglichkeit zum ausgiebigen Galopptraining, was ja der Verbesserung der Kondition dient. Aber damit hatte ich eigentlich nie Probleme.

Kontinuierlich stockte mein Mensch meine Futterration auf, damit ich an unserem großen Tag auch auf ausreichende Kraftreserven zurückgreifen konnte. Die Vorbereitung auf die Jagd nahm er wirklich ernst und so preschten wir teilweise sogar zweimal täglich über das Feld. Ich fand es toll, dass er mich endlich mal richtig laufen ließ. Dieses dauernde Abbremsen bei unseren üblichen Ausritten im Wald ging mir sowieso auf die Nerven. Ich war darüber so ungehalten, dass ich ständig mit dem Kopf schlug.

Am Tag vor der Jagd durfte ich nur ein paar Stunden auf meine Weide. Mein Mensch wollte mich richtig fein machen, und dafür braucht man nun mal Zeit. Ich wurde ausgiebig gestriegelt, mein Schweif wurde gewaschen, die Hufe gereinigt und eingefettet. Meinen Zugang zur Weide sperrte er hinterher ab, damit ich mich in meiner vollen Schönheit nicht etwa im Dreck herumwälzen konnte, was eigentlich zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört.

Am nächsten Morgen glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen. Da erschien mein Mensch, der eher saloppe Kleidung bevorzugt, in einer weißen Reithose, weißem Hemd und weißer Krawatte. Seine sonst meist mit Dreckspritzern behafteten Reitstiefel waren auf Hochglanz poliert. Über dem Arm trug er ein schwarzes Jackett. Sogar seine Reitkappe hatte er dabei.  „Was wird das jetzt?“, fragte ich mich ein wenig irritiert.

Mein Mensch schickte sich an, auch mich für unseren großen Auftritt vorzubereiten. Ich wurde noch mal gestriegelt. Die paar Strohhälmchen, die sich über Nacht in meinem Schweif verfangen hatten, entfernte er sorgfältig

Die erste große Herausforderung lag jedoch noch vor ihm. Er musste nämlich den Pferdeanhänger mit dem Auto in Fahrtrichtung platzieren und das ist auf unserem kleinen Hof eine echte Herausforderung.

Eine dreiviertel Stunde später, als sich der Gestank der arg lädierten Kupplung verzogen hatte, war es endlich vollbracht. Mein Taxi stand in Fahrtrichtung. Mein Mensch, sichtlich entnervt von seiner Rangier-Aktion, kam zum Stall um mich zu holen. Ich bemerkte sofort, dass das Heunetz im Hänger frisch gefüllt war, und beeilte mich, in den Transporter einzusteigen.

Nachdem er hinter mir die Hängerklappe geschlossen hatte, ließ sich mein Mensch mit einem Seufzer in sein Auto fallen und startete den Motor. Es gab es paar kleinere Ruckler, dann setzte sich unser Gefährt mit Kurs auf das Stelldichein in Bewegung.

Zum Glück lag der Veranstaltungsort nicht allzu weit entfernt. Schon nach 30 Minuten erreichten wir unser Ziel. Auf der Wiese, die als Parkplatz diente, herrschte hektische Betriebsamkeit. Wild gestikulierende Ordnungskräfte versuchten, ein wenig System in das sich anbahnende Chaos zu bringen. Irgendwie gelang es meinem Menschen, einen Platz für unser Gespann zu ergattern. Das war also geschafft.

So ein Stelldichein hat große Ähnlichkeit mit einer Cocktail-Party, nur dass das Ganze eben draußen und mit Pferden stattfindet. Sehen und gesehen werden, so lautet das Motto. Als mein Mensch mich vom Hänger ablud und ich das ganze Treiben um mich herum näher betrachten konnte, machte ich kugelrunde Augen. So eine große Ansammlung von Pferden und Menschen auf engstem Raum hatte ich zuvor noch nie gesehen. Einige Pferde wieherten ganz schrill. Ob die wohl Angst hatten, was da auf sie zukam? Oder waren sie einfach nur aufgeregt? Wieder andere versuchten, sich durch ständiges Tänzeln und Zerren am Führstrick ihrer Betreuer zu entledigen. Einige zielten bei ihrem Getänzel direkt auf die Füße ihrer Pfleger und gelegentlich trafen sie auch. Wie unfein, dachte ich so bei mir.

Die Herren Jagdreiter und ein paar Amazonen genossen derweil den Champagner, der bei solchen Gelegenheiten üblicherweise gereicht wird. Währenddessen wanderten die Helfer mit den immer heftiger agierenden Pferden im Kreis herum und sehnten den Zeitpunkt des Abrittes herbei.

Mein Mensch und ich waren ohne Begleitpersonal angereist. Er macht sich nichts aus Champagner, weil er davon Sodbrennen bekommt und konnte daher ohne Not auf diesen Teil des Stelldicheins verzichten. Wir hielten uns ein wenig abseits vom allgemeinen Trubel auf und drehten vorsorglich schon mal ein paar kleine Aufwärmrunden. Man weiß ja im Voraus nicht, wie sich das Tempo bei einer Jagd entwickelt.

Endlich war es dann soweit. Das Signal zum Aufbruch ertönte. Das Jagdfeld formierte sich hinter dem Master. Eine fast greifbare Spannung lag in Luft.

Da es unsere erste Jagd war, hatte mein Mensch vorgesehen, dass wir im hinteren Bereich des Jagdfeldes bleiben. Aus dieser Position heraus kann man die Geschehnisse am besten beobachten und entsprechend reagieren. Das war sein Plan.

Unter Hundegeheul und Hörnerklang setzte sich der Troß in Bewegung. Wir erreichten den Rand eines abgeernteten Feldes. Hier sollte die erste Schleppe laufen, d.h. hier wurde die erste Fährte für die Hunde gelegt. Der Master mit seinem mächtigen Schimmel galoppierte an, um den Hunden zu folgen. Die Jagdgesellschaft tat es ihm nach. Im Nu waren wir umgeben von vollkommen außer Rand und Band geratenen Pferden. Um mich herum sah ich hochgerissene Köpfe, bis zum Äußersten geblähte Nüstern und weit aufgerissene Augen.

Mein Mensch versuchte so gut es ging, mich aus dem Gewühl herauszuhalten. Das passte mir ganz und gar nicht. Wofür waren wir denn in den letzten Tagen immer wieder über unser heimisches Feld galoppiert? Ich strotzte vor Energie und wollte dem dicken Schimmel an der Spitze zeigen, wer Erster ist. Daß das Überreiten des Masters eine Art Todsünde sein sollte, erschien mir vollkommen unlogisch. Ich war doch ganz eindeutig der Schnellere. Als ich gerade zum Überholen ansetzen wollte, fiel in meinem Umfeld das Wort „Graben“. Und da war er auch schon. Nicht besonders tief oder gar breit. Eigentlich nichts, wovor man sich wirklich fürchten musste. Im Grunde war es nur eine Bodenvertiefung zwischen zwei aneinander grenzenden Feldern. Man muss aus dem Galopp heraus nur beherzt nach vorn springen, und schon ist man drüben. Heute weiß ich das, aber damals eben noch nicht.

Mein Mensch hat mich immer alles Unbekannte in Ruhe betrachten und beschnuppern lassen. Aber wie um alles in der Welt sollte das in dieser Situation funktionieren? Ich musste handeln und zwar sofort. Entschlossen stemmte ich meine Beine in den Boden. Links und rechts flogen die anderen Pferde nur so an mir vorbei. In diesem Moment merkte ich, dass mein Mensch den Gesetzen der Fliehkraft folgend seine Position auf meinem Rücken verlassen hatte. Und die Trense hatte er auch gleich mitgenommen.

Starr vor Schreck befand ich mich auf einmal ganz allein vor diesem Graben, von meinem Menschen weit und breit keine Spur, die anderen Pferde längst am anderen Ende des Ackers. Ich nahm all meinen Mut zusammen, atmete einmal tief durch und trippelte vorsichtig am Rand des Grabens entlang. Bei genauerem Hinsehen stellte ich fest, dass von dem Ding wirklich keine Gefahr ausging. Mein Selbstbewusstsein meldete sich zurück. Das sollte wohl zu bewältigen sein. Schließlich hatten die anderen Pferde es ja auch alle irgendwie geschafft. Und da, ich traute meinen Augen kaum, sah ich, wie mein Mensch auf der anderen Seite aus dem Graben krabbelte. Gott sei Dank, es war ihm bei seinem unfreiwilligen Abgang nichts Ernsthaftes passiert. Nur sein elegantes Outfit hatte ein bisschen gelitten.

Ich wendete kurz ab, um Anlauf zu nehmen und setzte mit einem eleganten Sprung über den Graben hinweg. Groß war meine Erleichterung, wieder bei meinem vertrauten Menschen zu sein. Da nahten auch schon die beiden Piköre, das sind berittene Gehilfen des Masters, heran. Sie waren sehr freundlich und hilfsbereit. Sie blieben bei uns, bis mein Mensch mir die Trense wieder angelegt hatte. Wir beeilten uns natürlich, um wieder Anschluss an die Truppe zu bekommen.

Im weiteren Verlauf der Jagd gab es regelmäßig längere Galoppstrecken. Es ist mir fast immer gelungen, den dicken Schimmel an der Spitze zu überholen, auch gegen den Willen meines Menschen. Wir waren grundsätzlich anderer Meinung hinsichtlich der Auslegung von Jagdregeln. Ich für meinen Teil fühlte mich als Sieger. Ich war schließlich der Schnellste von allen.

Jedenfalls sind wir nach dem überaus stimmungsvollen Halali am Ende der Jagd völlig verdreckt aber zufrieden gen Heimat gefahren. Ich bekam eine Extra-Portion Möhren und mein Mensch seine wohlverdiente Dusche.

Heute machen wir keine wilden Sachen mehr. Wie schon anfangs erwähnt, wir sind Rentner.
Text: Bettina Viehöfer