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Spanisches Überraschungspaket

Es gibt Dinge, die gibt’s gar nicht! Armin Kirchdorfer, Schleppenleger der Frankenmeute, ist so eines passiert. Im November 2013 hat er bei einer Jagd eine Dame aus der Nähe Münchens kennengelernt- sie war Zuschauerin. Mit der hat er sehr nett beim Stelldichein geplaudert und danach eine schöne Jagd geritten. Beim Halali nahm ihn die Dame noch einmal bei Seite und sagte ihm, dass sie ihm ein Pferd schenken möchte: einen fünfjährigen, rohen, zur spanischen Zucht zugelassenen Hengst. Sie war der Meinung, dass dieses Pferd unbedingt in seinen Besitz gehen sollte. Und voriges Jahr ist er dann gekommen, der Spanier! „Und er ist spitze!“, sagt sein neuer Besitzer.

Kirchdorfer und die vormalige Besitzerin stehen nach wie vor in engem Telefon-Kontakt und Ute Bauer hat aus dem Protokoll ihrer Gespräche eine wahrhaft lesenswerte Geschichte geschrieben.

Hier ist sie:
? Habla Ud. Español ?

Hallo, ich bin der Neue in der Equipage der Frankenmeute.  Ich bin ein noch recht unbedarfter 5jähriger Hengst. Die Menschen bezeichnen das merkwürdigerweise als “roh”. Klar, ich muss noch viel lernen, um ein gutes Jagpferd zu werden, doch was ich in jedem Fall schon mitbringe, sind beste Manieren. Die liegen mir sozusagen im Blut, denn ich stamme aus dem alten spanischen Pferdeadel derer von Nogales. Stammsitz dieses Adelsgeschlechts ist seit mehr als 200 Jahren die Hacienda “El Bonal de Arriba” in den Weiten der Extremadura.



Gestatten, daß ich mich nun erst einmal vorstelle: mein Name ist ‘Descarado”. Descarado N II, um genau zu sein. Das “N“ ist sozusagen mein Familienname. Einer meiner Vorfahren, ein berühmter Vererber, hieß auch ‘Descarado’, deshalb also noch die “II“ .in meinem Namen. Ganz hübsch große Hufspuren, in die ich da trete. Die erste Hürde habe ich immerhin schon genommen, denn die Körkommission hat mich bereits als Zuchthengst für würdig. befunden.

Zu unserem Gestüt kommen immer wieder Menschen, die sich für mich und meine Stallgefährten interessieren. Diese Besuche bleiben meist im Gedächtnis, weil sie immer einige Unruhe in unseren gewohnten Alltag bringen. Ein wenig gewundert habe ich mich deshalb schon, als ich eines Abends ohne jegliche erkennbare Vorwarnung in einen großen LKW verladen wurde. Zwei Tage später durfte ich ihn dann nach einer angenehmen Reise wieder verlassen. Ich war in Bad Königshofen angekommen.

Das war am 29. März 2014, das weiß ich noch wie heute. Denn als die Laderampe aufging, stand da eine Gruppe von Menschen, die mich anschauten, als hätten sie noch nie in ihrem Leben ein Pferd gesehen. In ihren Gesichtern stand alles Mögliche geschrieben, von Skepsis über Freude bis hin zu Erleichterung. Im Nachhinein irgendwie verständlich, denn sie hatten den ganzen Winter über auf ihr ‘Blind Date’ mit mir warten müssen. Laut Wikipedia ist ein Blind Date ‘eine Verabredung zwischen Menschen, die sich bislang nicht getroffen haben und nichts oder nur sehr wenig übereinander wissen’. Für mich als Pferd war das allerdings unerheblich. Ich stieg aus, ließ mich in meine Box führen ... und begann in aller Seelenruhe zu fressen.

In den folgenden zwei Tagen inspizierte ich erst mal aufmerksam meine neue Umgebung auf mögliche Gefahrenquellen und sortierte so ganz für mich die vielen neuen Gerüche, Geräusche und Stimmen. Das Ergebnis war positiv, ich fühlte mich ausgesprochen wohl. Bald machte ich dann auch Bekanntschaft mit Sattel, Trense und Reitergewicht. Olé, das war vergnüglich! Ich spürte nämlich beim ersten Mal, daß das Reiterlein auf meinem Rücken leichtes Hosenflattern hatte. Also setzte ich meine Schritte besonders vorsichtig, um es nur ja nicht zu verlieren.

Die wichtigsten Fortschritte und Ereignisse während der nun folgenden sechs Monate habe ich in einem Tagebuch festgehalten:

Freitag, 11. April    Vorsichtiges Antraben unter dem Reiter auf dem Sandplatz.

Sonntag, 13. April    Der 1. Ritt ins Gelände, vorbei an Schaufenstern, Baustellen, Autos und Kanaldeckeln. Ich konnte mich nur wundern, was einem alles im Weg war, bis man hinaus ins freie Feld kam.

Samstag, 19. April    Zum ersten Mal zusammen mit den Hunden auf dem Sandplatz. Unglaublich, dieses Gewusel und Gerangel um mich herum! Ich bemühte mich, nicht nur rein optisch, einfach ‘drüber zu stehen’.
 
Sonntag, 10. Mai    Erste kleine Springübungen auf dem Sandplatz.

Dienstag, 20. Mai    Ein größerer Ausritt zu Viert - und ich als “Schlußlicht”! Das kostete Überwindung. Als Hengst müßte ich doch vorne gehen!

Sonntag, 8. Juni    Und wieder etwas Neues: ein festes Jagdhindernis. Sah wirklich einladend aus trotz seiner beachtlichen Höhe. Gut, wenn die anderen Vorauspferde da springen, dann springe ich eben auch. Zügig, aber so ganz ohne Hast oder Hektik.

Sonntag, 29. Juni    Dieses Mal ganz was anderes für mich, nämlich bunte Hindernisse auf einem veritablen Springplatz. Kein Problem, macht richtig Spaß, in aller Wendigkeit vom Oxer zum Steilsprung, von da zur Triplebarre und dann zur Mauer zu galoppieren.

Die folgenden Wochen waren recht geruhsam für mich. Die Menschen schwitzten und stöhnten unter der Sommerhitze, weil ihnen unsere oft belächelte Siesta im Schatten alter Steineichen nicht vergönnt war. Das war vermutlich auch der Grund, daß vorübergehend keine weitere spannende Lehr- und Lernstunde für mich anstand. Stattdessen gab es Unterricht mit einfachen Übungen in der sogenannten “doma clásica”. Köstlich! Da mußte ich einfach schmunzeln. Denn es gibt außer uns ‘Spaniern’ nur wenige Rassen, die so gut dafür gerüstet, ja geradezu prädestiniert sind, ihrem Reiter mit Noblesse und natürlicher Aufrichtung das ‘Glück dieser Erde’ zu vermitteln.
Sieht so aus als hätte ich in dieser Zeit auch ein wenig Speck angesetzt. Dazu muß ich sagen, daß ich leichtfuttrig bin. Früher mußte ich außerdem, wenn ich Durst hatte, manchmal kilometerweit laufen, um zu einer “charca“, einem Wasserloch zu kommen. Hier brauche ich mich nur umzudrehen, um das Tränkebecken zu betätigen.
Neulich war eine wunderbar laue Nacht. Ich schaute aus meiner Box, sah die Sternschnuppen fallen und dachte an meine spanische Heimat ...

Freitag, 1. August    Die gemütliche Phase hat gut getan, ich hatte Zeit zum Nachdenken. Ich glaube, ich weiß jetzt, was man von mir will.
Heute gab es auf dem Sandplatz eine farbige Dreifachkombination als Springübung. Das fanden die Hunde anscheinend recht lustig, denn sie bellten ganz eifrig dazu.

Samstag, 30. August    Herrjeh, bei unserem heutigen Ausritt in der Gruppe gab es ein gravierendes Mißverständnis!
Als Hengst sehe ich es als meine Aufgabe an, die mir anvertraute Herde zu beschützen. So wie bisher eben. Aber nein, nach dem Willen meines Reiters sollte ich sie auf einmal völlig grundlos im Stich lassen und meine eigenen Wege gehen. Wie war das denn zu verstehen?? Ich war verunsichert und reichlich irritiert.

Dienstag, 2. Sept.    Gut, daß seit dem letzten Ausritt ein paar Tage vergangen sind. Heute waren wir wieder draußen. Ich gab mir alle Mühe, ruhig zu bleiben, als sich dieses Mal nun die Herde von mir entfernte. Das war nicht ganz so schlimm wie neulich, solange sie nur in Hörweite blieb! So konnte ich ihr wenigstens immer wieder zuwiehern und sie wissen lassen, daß ich für sie da bin.

Donnerstag, 4. Sept.    Das war anscheinend Version 3 eines Ausrittes: wir waren allein, nur mein Reiter und ich.. Damit kann ich gut leben. Mehr noch: ich habe es richtig genossen, mit ihm durch den Herbstwald zu galoppieren. Gutes Konditionstraining für mich.

Mittwoch, 17.  Sept.    Habe ich da etwa soeben ein kleines Bravourstück abgeliefert, als ich mein erstes festes Jagdhindernis, einen von Büschen und Bäumen gesäumten eindrucksvoll überbauten Graben ohne Vorauspferde übersprang?? Zugegeben, das war ein ziemlich dicker Klotz, aber ich habe ihn mir vorher in aller Ruhe genau anschauen dürfen. Nicht nur das, mein Reiter redet auch (nur für mich wahrnehmbar) sehr viel mit mir. Das ist ermutigend und sehr beruhigend zugleich. Ich glaube, er war sehr glücklich an diesem Tag und auch ein bisserl stolz auf mich.

Freitag, 3. Oktober    Ein sonniger Herbsttag. Ideal für ein Foto-Shooting, denke ich mir, als ich mehr als sonst üblich geputzt und gewienert werde. Unglaublich, was so ein Model im Vorfeld alles über sich ergehen lassen muß. Schließlich legt man mir noch blaue Transportgamaschen an und ich sehe aus wie der Gestiefelte Kater.



Am nächsten Tag    Wie man sich doch täuschen kann! Das war kein Foto-Shooting, sondern mein Jagddebüt in Schillingsfürst als Schleppenleger! Es war traumhaft schön. Das Geläut der Meute, der Klang der Jagdhörner und die vielen netten Reitersmenschen um mich herum  ... Ich bin begeistert!

Der 3. Oktober in Schillingsfürst - meine Premiere als Jagdpferd. Was für ein bedeutender Tag in meinem Leben!



Ein paar Wochen später, am 15. November, durfte ich zum Saisonabschluss auch noch an der Vereinsjagd in Wiedersbach teilnehmen. Auch diesen Tag habe ich sehr genossen und meinen Reiter trittsicher und verantwortungsbewusst durch das herrliche Gelände getragen.

Damit endet das Tagebuch über meinen fulminanten Aufstieg vom unbedarften ’Blind Date’ zum vollwertigen Mitglied als Equipagepferd der Frankenmeute. Ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr!




Text: Ute Bauer
Bilder: Hermann Zacher und Petra Tillmanns