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Toni Wiedemann: Kämpfer mit einem Plan

Marketing ist ein Studienfach. Toni Wiedemann, gelernter Bäcker - Meister mit 21 - und Versicherungskaufmann, beherrscht es "cum laude" - ganz ohne Universität. Er hatte ein Konzept, das mehr war als „Spaß haben mit den Hunden“ als er vor 35 Jahren seinen Schleppjagdverein von Bayern gründete. Er beherrscht Kundenbindung, Sponsorengewinnung, die Klaviatur der Werbung, Netzwerken. Und er ist eine unermüdbare Führungspersönlichkeit – auf dem Pferd oder jetzt im Rollstuhl. Sein Kampf zurück ins Leben ist imponierend und beispielhaft.  

Der 10. Oktober 2015 hat alles verändert. Bei der 58. Großen Herbstjagd auf Herrenchiemsee, beim Anlegen zur zweiten Schleppe, gab es einen Moment der Unstimmigkeit zwischen dem Master und seinem Pferd. Toni Wiedemann stürzt und prallt gegen einen Baum. Rettungshubschrauber, noch in der Nacht die erste Notoperation in der Unfallklinik – die erste von vielen. Wochenlang schwebte er in Lebensgefahr, lag im künstlichen Koma. Nach acht Monaten und einem Martyrium, in einem Sandbett liegend, den Blick immer starr zur Decke gerichtet, kehrte der Master wieder nach Gundelsdorf zurück. Das Haus war inzwischen umgebaut für die Bedürfnisse eines Rollstuhlfahrers. Aus dem Familienwohnzimmer ist sein Büro geworden, die Kilometer, die er dort jeden Abend auf seinem Liegefahrrad als Reha-Training absolviert, hätten ihn wahrscheinlich schon um den Erdball geführt.

Viele hatten bezweifelt, dass der Meutebetrieb weiter laufen würde ohne ihn, dem das Delegieren nie einfiel. Aber es ist weitergegangen. Der SvB ist weiter sein Lebenswerk und das führt er nach dem Unfall unvermindert weiter – jetzt eben im Sitzen. Er hat notgedrungen  das Delegieren gelernt, spricht weiter davon, dass „wir“ Hindernisse gebaut haben, den Stall geweißelt, den Transporter auf Vordermann gebracht haben. Wie viel Frustration das gekostet hat, immer noch kostet, weiß er nur allein. Er wird stark unterstützt von seiner Frau Sissi, die als Bezugsperson für die Hunde zunächst weiter die Schleppen legte und jetzt die Meute als Huntslady führt – neben ihrem Beruf und dem politischen Engagement als Vorsitzende des CSU-Ortsverbandes Pöttmes. Sein Sohn Simon hilft. Auch der Vizepräsident und Weggefährte Robert Guggenberger leistet viel. Keine einzige Veranstaltung im Meutekalender ist wegen des schweren Einschnitts abgesagt worden.  

„Die Schleppjagd braucht Öffentlichkeit.“ Aus dieser Erkenntnis war Wiedemann schon vor dem Unfall der beste PR-Mann des Sports und seit dem Unfall leistet er noch mehr, ist dauernd unterwegs als Moderator und Netzwerker, gebremst höchstens durch Corona-Beschränkungen.  Schon mit der Namensgebung Schleppjagdverein von Bayern wird das deutlich. Das klingt doch ganz  anders als nur ein  Bayrischer  Schleppjagdverein. Mit den Stichworten Tradition und Kultur sichert er Zuschüsse und Zuneigung bei Politikern, Wirtschaftsgrößen und Schlossbesitzern. Die rund 20 Jagden des Jahres haben immer einen imposanten historischen Hintergrund. „Ich will unseren Sport dahin zurückbringen, wo er herkam“, hatte er sich schon bei der Gründung vorgenommen, und damit hat er einen Selbstläufer erfunden, der gerade in Bayern gut ankommt und viele Schlösser als Backdrop findet. Kein Anlass ist zu groß, als dass er nicht die „Meute aus dem Wittelsbacher Land“ dort hinschicken würde. Die Hunde laufen bei Turnieren wie Donaueschingen, Hengstparaden in Schwaiganger, und kleinen und großen Volksfesten wie dem Oktoberfest. Oder sie treten auf bei Theaterstücken auf Freilichtbühnen. Niemals „für umme“ natürlich.
Mit unvergleichlicher Zielsicherheit sammelt er Spenden, die den vor acht Jahren errichteten Kennelneubau in Gundelsdorf – immerhin ein 500.000 Euro-Projekt - bald schuldenfrei stellen werden. Seit Jahren pachtet der Verein Land und stellt damit die Gelegenheit für die Schleppjagd direkt am Kennelgelände sicher. Auf 25 Hektar hat der SvB inzwischen das Sagen und gute Nachbarschaft mit den Landeignern und Pächtern. Gut 100 Reiter kommen jedes Jahr zu den drei Trainingswochen im Sommer. Ein Gutteil unterschreibt danach einen Aufnahmeantrag. Mit bald 450 Mitgliedern führt er inzwischen den zweitgrößten Schleppjagdverein in Deutschland. Jedes Telefonat, jeder Schriftsatz, der für all das anfällt, kommt aus seinem Büro. Seit 2007 ist er auch im Bundesverband aktiv, zunächst als Hunting-Referent, seit 2012 als zweiter Vorsitzender der Deutschen Schleppjagdvereinigung, in deren Auftrag er auch andere Meuten besucht und berät.    

An diesem Wochenende wird Toni Wiedemann 70, und das wird gefeiert, am Samstag natürlich bei einer Jagd und am Geburtstag, am Sonntag, mit einem Fest am Kennel, das sich – corona-bedingt in Gruppen – über den ganzen Tag verteilt. Eingeladen dazu hat Seine Königliche Hoheit Luitpold Prinz von Bayern. „Ein weiterhin aktiver und lebensfroher Präsident ist das größte Glück für ihn selbst und ein Gewinn für unseren Verein und seine Meute,“ schreibt der Schirmherr des SvB in der Einladung.



Das finden wir auch! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Text: Petra Schlemm und Bilder: Archiv Schleppjagd24