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Ohne Hunde ist alles doof

Sie kommen aus dem Wendland bei Dannenberg, sind aufgewachsen in zwei kleinen Ortschaften nur acht Kilometer von einander entfernt und haben den vielleicht seltensten Beruf Deutschlands. Insgesamt gibt es nur drei Huntsmen im Land, die über die Arbeit mit Meutehunden ihren Lebensunterhalt verdienen. Beim Rheinisch-Westfälischen Schleppjagdverein feierten jetzt zwei von ihnen gemeinsam Geburtstag: Wilfried Ebel ist im April 80 geworden und Heiko Burchard hat die 50 vollgemacht, bereits im Februar. „130 Jahre Huntsman“ war Anlass für eine feine Schleppjagd – ja klar. Und die Hunde liefen so fantastisch als hätten sie genau gewusst, dass es „für die Chefs“ war.

Ein Traumtag! Der erste richtig angenehm warme, sonnige Frühlings-Samstag, Fotografier-Wolken am strahlend blauen Himmel über dem Haus Schwarzenstein, zarter weißer Blütenschimmer auf den Weißdornhecken und frischgrünes junges Gras auf den Lippewiesen. Kein Golfplatz könnte samtiger sein.

25 Koppeln – „50 Hunde für 50 Jahre Burchard“, so der Master -  und  gut 50 Reiter in drei Feldern auf vier Schleppen, über ein Dutzend klotzige Hindernisse. Der aktive Huntsman Burchard an seinem Platz: vorne beim Master an den Hunden, Ebel als einer der Feldführer. Die Reiter erleben ein ganz neues Gelände außerhalb des üblichen Reitgebiets. Der Ginster auf der „Kippe“ blüht noch nicht, aber nach dem langen Regen freuen sich alle, dass es schon ein bisschen staubt hier. Viele Nachbarn und Landeigner sind unter den Zuschauern, freuen sich auch am Stopp am Gut Vinkel, wo vor Zeiten viele Schwarzensteiner Spuren hinführten. („Biwi“ und Inga hätten ihre Freude gehabt.)

Die beiden Huntsmen und der Master Christian Coenen haben ein Drehbuch mit Haken und Ösen und Widergängen geschrieben aus dem Franz Dörken als Schleppenleger einen Oscar-reifen Breitwand-Film entstehen lässt. Die RWS-typische Spurführung erlaubt auf langen Linien das Reiten „zu den Hunden“. Die spüren  jedem Tropfen Scent nach und geben laut Hals. Alle Ohren auf Empfang, so wie es Prof. Stegmann immer vorschrieb mit seiner Empfehlung „Mit den Ohren reiten“. Ganz großes Kino!  


Curée am Teich, und dann entfaltet sich ein Frühlingsfest, wie es in diesem Jahr noch keines gab in Schwarzenstein. Offizielle Reden, Essen, Trinken, Geburtstagsgeschenke, die ganze Equipage mit dem Ehrenhuntsman Ebel und Heiko auf dem „roten Sofa“. Erst als die Feuerschalen die Abendkühle nicht länger abhalten zieht es die Gäste ins Haus von wo aus manche das Morgengrauen erlebt haben sollen. Einer der eigens angereisten Burchards ist voll Bewunderung für seinen Bruder: „Heiko ist der erste von uns, der weit von zu Hause weggegangen ist. Aber er hat es ja auch nicht schlecht getroffen hier.“ Wohl wahr.



Wilfried Ebel und Heiko Burchard haben beide in Hamburg ihre berufliche Laufbahn begonnen, wo der dritte professionelle Huntsman im Land, Heiko Lindner, jetzt arbeitet. Ebel hat als Agrar-Ingenieur große Güter verwaltet ehe er als Huntsman zum Hamburger Schleppjagdverein kam. Ein Jahr später zog er um an den unteren Niederrhein, wo er 1972 von seinem Vorgänger Warnecke eine wenig einheitliche und ungestüme Meute übernahm. Der RWS-Präsident Ulrich Hocker erinnerte in seiner Festrede an die holperigen Anfänge. Demnach hat Ebel einen Scheinwerfer und ein Mikrofon von seiner Wohnung oben im Haus Schwarzenstein auf den Kennel gerichtet und wenn der Krach nachts gar nicht aufhören wollte, dann zischte er gegebenenfalls auch im Schlafanzug raus und sorgte für Ordnung. Fünfzehn Jahre hat es gedauert bis aus dem Pack die Seriensieger bei Meuteschauen geworden sind: laut, spurtreu und verkehrssicher, passioniert, und dabei so freundlich, dass fremde Hunde auch bei der Curée mithalten dürfen. Ebels Rekord-Jahr war 2002, als der L-Wurf gleich sieben Mal die Note „vorzüglich“ erntete. Weit mehr als 1200 Jagden hat er inzwischen geritten, ist zu seiner Verabschiedung 2003 zum Ehrenhuntsman des RWS ernannt worden und begleitet den Verein auch weiter zu Pferd bei den Jagden und bei der Morgenarbeit. Im Bundesverband, in der Deutschen Schleppjagdvereinigung, ist Ebel seit langem kynologischer Berater. Artgerechte Haltung und die richtige Auswahl der Elterntiere hinsichtlich ihrer charakterlichen Ausprägung liegen ihm am Herzen und er wird nie müde, auf die Bedürfnisse der Meutehunde nach genügend Auslauf und menschlicher Zuwendung hinzuweisen.   



Was Ebel in 40 Jahren als Hundemann gelernt hat, gab er weiter an Heiko Burchard, der im Privatleben inzwischen auch Jagdhunde führt. Schon mit vier Monaten durfte „Atze“ unlängst zur Jahrestagung mitreisen und hat sich vorbildlich benommen. Ursprünglich Zimmermann – man sieht es an den über 300 Hindernissen im RWS-Revier – kam er zum ersten Mal nach Schwarzenstein,  damals als Fahrer des HSJV-Hundewagens zur Junghundeschau. 2002 trat er seine neue Stelle an und arbeitete ein ganzes Jahr mit Ebel zusammen. Inzwischen hat er an die 500 Jagden bestritten und die RWS-Zucht erfolgreich fortgesetzt. „Sein“ Rüde Beaufort gilt als „Champion of Champions“. Ulrich Hocker nennt ihn „den besten Foxhound-Rüden Deutschlands“. Und wie Ebel musste auch Burchard sich an mancher Hunde-Disziplinierung abarbeiten. Sein „Meisterstück“ war der P-Wurf aus einigen echten „Lausebengels“. Der Ärgste war Paul. „Aber das war schließlich der einzige Meutehund, der jemals in Schwarzenstein das Kommando „Sitz“ beherrschte.“ Die Verbindung zu Paul besteht über dessen Tod hinaus. Er lebt weiter als Tätowierung auf Burchards linkem Oberarm.  

Text: Petra Schlemm, Fotos: Elke und Friedbert Stemann, PS