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UK-Team führt nach EM-Dressur, Klimke vorne

Tokio – Aachen – Avenches? Die Briten scheinen gesetzt, ihren Siegeszug fortzusetzen. Nach der Dressur für den Europameisterschaftstitel am Freitag führt das UK-Team mit 64.8 Punkten vor Deutschland (69,7), die fünf Briten inklusive Einzelreiterin auf den eresren acht Plätzen. Die Doppel-Europameisterin Ingrid Klimke und ihr Hale Bob führen in der Einzelwertung mit 20,2 Punkten hauchdünn vor Weltmeisterin Rosalind Carter und Allstar (20.6).

Zwei, die jetzt schon legendär sind: Lucinda Green und Ingrid Klimke beim Abgehen des EM-Kurses

In perfekter Selbsthaltung und frisch trabten Klimke und ihr „Bobby“ in die Bahn. „Er fühlte sich toll an, hat auf jede halbe Parade sofort reagiert“, so Klimke hinterher überglücklich. Ein Blick auf die Anzeigentafel zwischendurch habe sie allerdings wieder auf den Boden geholt. „“Bobby, der letzte Halt muss eine 10 werden, sonst schaffen wir das nicht mehr“ habe sie sich gesagt. Und Bobby hat gehalten. Dafür gab es dann sogar zweimal die 10 und eine 9,5 in ansonsten zumindest in Teilen verwunderlichen Richter-Urteilen. Die 21,3 Punkte (Platz 4) des französischen Teamreiters Maxime Livio erklärte ein deutscher Team-Reiter so: „Weil heute Freitag ist.“
Michael Jung, 23.8 und letztlich Rang 7 – tat so als sei er zufrieden gewesen mit seiner Dressurvorführung mit dem erst 9jährigen fischerWild Wave. Seine Dressurbetrachtung war gleichzeitig auch eine Lebensweisheit, die sicherlich beachtenswert ist. „Man muss dran glauben, dass man gewinnen kann. Damit steht man morgens auf und geht abends ins Bett. Dann muss man den ganzen Tag daran arbeiten. Und am Ende gucken, was dabei rauskommt.“
Dirk Schrade, als Einzelreiter mit dem elf Jahre alten Holsteiner Casino, den er seit einem Jahr reitet, war als erster Reiter am Freitag morgen am Start und erntete 30,5, Rang 30. Übernommen nach Aufbauarbeit durch den künftigen Bundestrainer Peter Thomsen ist der kraft- und schwungvolle Schimmel, den Schrade „sonst als eher triebig“ bezeichnet. Davon war heute nichts zu sehen. „Ihm gefällt es halt in der Schweiz und da hat er Emotion gezeigt.“ So kann man das Wegstürmen in der Galoppverstärkung auch sehen. „Aber zum Glück hat er nicht gebuckelt. Das konnte ich so eben noch verhindern.“ Mit seiner Note von 30,5 war er jedenfalls zufrieden. „Da bin ich eher gut weggekommen, das eine Mal ist er mir doch richtig von der Fahne gegangen.“ Aber der Wallach kam gut zurück ins Geschehen und das zeichnet ihn laut Schrade eben auch aus. „Er wird  normal nicht heiß – und das Gute an unserer Disziplin ist ja, dass man nach der Dressur noch nicht fertig ist.“
Nach der Dressur kommt das Gelände. Samstag warten 32 Hindernisse, 5.765 Meter, die in 10:7 Minuten zu reiten sind, wenn man ohne Zeitfehler davonkommen will. Der durchaus laienhafte Eindruck nach einer Geländebesichtigung mit der Titelverteidigerin Ingrid Klimke: Gesucht werden ein S-Dressurpferd von höchster Durchlässigkeit mit überragendem Springvermögen und ein Reiter, der auf den Punkt genau den Absprung erreichen kann. Viele, viele kniffelige Ecken, drei Wasserkomplexe, die allerdings eher Pfützen sind, aber dafür komplizierte Linienführung abfragen. Tiefsprünge, wo die Pferde gefühlt „in den Himmel“ springen sollen - aber  natürlich nicht dürfen, denn danach geht es talwärts, in einer Neigung, die auch Skifahrer erfreuen würde – aber wir sind ja auch in der Schweiz. Dazwischen kastige Tische mit imponierender Tiefe, die alle ebenfalls ganz genau zu treffen sind. „Das ist hier nichts zum Runtergaloppieren“, findet Michael Jung. Die Zeiten halten alle Starter für schwer zu halten. „Man muss genau jede Kurve kennen und darf keinen Meter verschenken“, so Klimke. Außerdem wichtig: „Ganz klar die Richtung vorgeben, nicht nur an der Triple Hecke am Ende, noch einmal vom Ausgang weg“.
Besonderen Redestoff bieten Hindernis 6 und 7, eine sehr breite Hecke – anders als Sprung 2 nicht zum Wischen  - und danach eine sehr schräge Ecke. „Tückisch“, findet das sogar der Doppel-Olympiasieger Jung. Nach dem Missgeschick von Tokio, wo ihn ein abwerfbares MIM-Hindernis vermutlich das dritte Gold gekostet hat, betrachtet er diese Sprünge mit besonderer Vorsicht. „Das wird wohl noch einige Jahre in meinem Kopf sein, aber ich werde solche Hindernisse jetzt nicht anreiten wie einen Oxer im Parcours.“
Fazit bei allen Reitern: Die Aufgaben sind machbar, aber nur für den, der jeden Galoppsprung voll konzentriert reitet. Überall lauern Schwierigkeiten und auch auf den langen Galoppstrecken muss das Pferd immer in der Balance bleiben, weil die Bodenverhältnisse oft wechseln. Auf dem kringeligen Rennbahngelände gibt es viele Wegkreuzungen, die mit unterschiedlichem Sand abgestreut sind. Sie sollen am Samstag auch während des Tages immer wieder präpariert werden. „Aber es ist nicht ideal, wenn der Boden so oft wechselt,“ so Jung. Auch Klimkes Hale Bob liebt solche Unterschiede im Geläuf nicht. „Er guckt da immer ganz genau hin, ob das nicht vielleicht ein Hindernis ist.“ Allerdings hat er als  Jagdpferd gelernt, mit so etwas umzugehen.
Am Samstagabend weiss man mehr.
Text und Foto: Petra Schlemm