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Auf der Jagd in Ellwangen

 Wenn die warmen Tage spürbar kürzer und die Schatten der Sonne deutlich länger werden, wenn sich die Zugvögel in Scharen sammeln und in großen Gruppen Bilder an den Himmel zeichnen, wenn die Felder nach und nach kahl werden und die saftigen Wiesen abgemäht sind, dann beginnt für eine kleine Gruppe von Menschen die schönste Jahreszeit: der Herbst! Dann dürfen sie endlich wieder  das tun, worauf sie sich über Monate gefreut haben: gemeinsam mit ihren Pferden jagen!

Ganz bestimmt gehört die Schleppjagd in Ellwangen im Osten Baden-Württembergs im Ostalbkreis zu der Kategorie der Jagden, die man im Laufe eines Schleppjägerlebens geritten haben sollte. Die Landschaft um Ellwangen ist sehr abwechslungsreich und weitläufig, auf der einen Seite leicht hügelig und sehr fruchtbar, auf der anderen Seite mit schönen Wäldern. Wer zur Jagd nach Ellwangen fährt, wird automatisch auf die großartige Sicht auf die mächtige, wie in die Landschaft hineingemalte Wallfahrtskirche am Schönenberg stoßen, die von fast überall zu sehen ist und zu den Wahrzeichen der Großen Kreisstadt gehört.


Die Schleppjagd in Ellwangen hat Tradition. Bereits seit den frühen achtziger Jahren veranstalteten die Reiterlichen Jagdhornbläser in unregelmäßigen Abständen eine Jagd zu Pferde. Früher war es erst das Südpack der Cappenberger Meute mit Jointmaster Toni Wiedemann und später der daraus gegründete Schleppjagdverein von Bayern (SvB) mit Master Toni Wiedemann, der mit seiner Hundemeute das Jagdgeschehen begleitete. Seit 2003 läuft die Schleppjagd bereits zum 15. Mal mit den Hunden der Hardt Meute des Badischen Schleppjagdvereins. Seit 2004 übernimmt der Reit- und Fahrverein Rindelbach die Ausführung der Jagd.


 Und so kamen bei strahlendem Sonnenschein über 30 begeisterte Reiterinnen und Reiter  zusammen, um sich vor dem Gelände des Reit- und Fahrvereins Rindelbach zum AHA-Corona-konformen Stelldichein zu treffen und sich bei einem Gläschen Sekt auszutauschen. Die musikalische Umrahmung übernahmen die „Reiterlichen Jagdhornbläser“ aus Ellwangen mit Unterstützung der „Schanzer Parforce“ aus Ingolstadt.
Der Jagdstrecke mit sechs Schleppen auf 15 Kilometern und etwa 20 naturnahen Hindernissen, darunter Gräben, Wälle, Straßenüberquerungen im Galopp und einer Flussdurchquerung ist als mittelschwer und nicht für unerfahrene Reiter ausgeschrieben. Wer bereits in den Jahren zuvor mitgeritten ist, wusste, dass die eine oder andere reiterliche Überraschung warten würde – und  wurde nicht enttäuscht.
Andrea Wiehn, Master und Herrin der Hunde der Hardt Meute, hatte 7 ½ Koppeln ihrer Grand-Anglo-Francais mitgebracht, darunter vier Koppeln Junghunde, hochbeiniger und kräftiger als Foxhounds und sehr schnell.  


Die erste Hürde dieser Jagd ist direkt nach dem Losreiten ein steiler Abhang hinunter zur Jagst, um den Wasserlauf zu durchqueren, und danach auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinaufzuklettern. Es gibt erfahrene Pferde, die leicht schräg versetzt den Hang hinunterrutschen, durchs Wasser waten und auf der anderen Seite wieder hinaufmarschieren. Dann gibt es aber auch Pferde, die oben auf der Höhe nach unten ins Wasser starren und wenn sie dann halb unten angekommen sind, mit einem gewaltigen Satz ins Nass springen, um anschließend im Galopp den Aufhang hinaufzuhechten. Da ist schon so mancher routinierte Reiter in Sattelnot geraten!


 
Trotz der Wärme von etwa 24 Grad legten die Hunde von Beginn an ein hohes Tempo vor. Die erste Schleppe begann dann auch sogleich mit zwei Sprüngen über Baumstämme, die nach einer Kurve wie aus dem Nichts auftauchten. Danach führte der Weg durch ein Waldstück mit Sprung, anschließend einen Hang hinauf. Das Jagdfeld, angeführt von Bettina von Welck, war im Großen und Ganzen diszipliniert, aber für den einen oder anderen bedeutete es durchaus, sich mit seinem Pferd auf eine kleine Diskussion bezüglich des Gehorsams einzulassen.
Die Aufgabe des Schleppenlegens übernahmen Clemens von Welck, Organisator und „Herz“ der Jagd, zusammen mit Ulrike Naumann. Beide erfahrene Jagdreiter, legten die Schleppe oft für die Hunde sehr anspruchsvoll an, indem sie Kurven und Wendungen in ihre Spur einbauten. Mitunter überschossen die Grand-Anglo-Francais, kamen aber immer sofort auf die Schleppe zurück. Das anschließende Jagdfeld folgte in großen Bögen dem tiefen, glockenklaren Geläut der Meute, die sich als weitgehend spurtreu zeigte. Hin und wieder hatte die Equipage mit ein paar übermotivierten Junghunden zu tun, die sich entweder im und mit dem Jagdfeld zu amüsieren versuchten – oder eine gewisse Eigendynamik entwickelten und bestimmten, wann der Zeitpunkt gekommen wäre, der Schleppe zu folgen.
Die zweite Schleppe, von der Wegführung relativ eindeutig, verlangte von den Reitern, ein ganzes Stück hintereinander zu reiten, was nicht jedem leicht fiel, besonders, wenn zwischendurch immer wieder Baumstämme oder andere Hindernisse im Weg standen, die gesprungen werden konnten. Am Ende wurde das Jagdfeld dann wieder festlich von den Jagdhornbläsern empfangen – großes Glücksgefühl.
Dann folgte ein längeres Stück im Schritt. Wie ein farbenprächtiges Bild aus alten Zeiten fügte sich die muntere Jagdgesellschaft in die wunderbare Landschaft in ihren roten, grünen, schwarzen Jagdröcken auf Braunen, Schimmeln, Rappen und Füchsen ein. Ein kleines Grüppchen, das der Tradition folgt und für Kontinuität und Naturverbundenheit steht.
Bei der dritten und vierten Schleppe lernten die ortsfremden Reiter die ganze Schönheit des Virngrunds  kennen: durch den Wald in rechten Winkeln auf engen Waldwegen, dann wieder über ewig lange Wiesenpassagen, auf denen es verschiedene Hindernisse oder Gräben zu überwinden galt. Besonders der letzte Sprung am Ende der vierten Schleppe hatte es in Sachen Höhe und Tiefe in sich und zeigte die Sportlichkeit einer Schleppjagd.
Dann kam endlich die wohlverdiente Pause, bei der sich die Hunde in ihr Transportfahrzeug zurückziehen durften, während die Reiter mit Getränken und Imbiss verwöhnt wurden und munter ihre bisherigen Erlebnisse austauschten.


Nur noch zwei Schleppen, da wird man schon wieder leicht traurig. Aber viel Zeit blieb für solche Gedanken nicht, verlangte doch der Rest der Jagd die volle Aufmerksamkeit bi zur Ankunft an der  Rinderburg. Am Schafhof, wo diese Ellwanger Jagd endete, stand der Ellwanger Narrenbaum 2020 als letzter Sprung. Im Hintergrund des Hindernisses thront groß und mächtig die Schönenbergkirche. Die „Reiterlichen Jagdhornbläser“ bliesen zum Halali. Dann stellten sich alle in der Rinderburg in einem Halbkreis auf, ein dreifaches Horrido hallte laut durch die Landschaft, die Reiter stiegen von ihren Pferden, und die Hunde bekamen zum Dank für ihre Leistung das verdiente Curée.
Edwin Schuster, der Vorstand des RV Rindelbach und zugleich Jagdherr gemeinsam mit Gregor Nietgen, verteilte die Brüche. Andrea Wiehn verlieh mit dem „Waidmannsheil“ den Reitern die Jagdknöpfe.
 Es war eine sportliche, schnelle Jagd, bei der besonders die Hunde gezeigt haben, dass sie ihren Job mit großer Leidenschaft ernst nehmen. Aber auch ohne viele begeisterte Reiter aus Nah und Fern, ohne mitdenkende Helfer, die sich auch für Handlagertätigkeiten nicht zu schade sind, ohne Landwirte, die für diesen einen Tag alle Augen zudrücken und ihren Grund und Boden zur Verfügung gestellt haben, ohne die wunderbare Musik der „Reiterlichen Jagdhornbläser“, die auch aus der Entfernung Gänsehaut erzeugen konnten, ohne die Fotografen, die alles im Bild festhalten – und nicht zuletzt ohne einen, der mit viel Herzblut und noch mehr Erfahrung für die Organisation zuständig ist, könnte eine Schleppjagd gar nicht stattfinden! Danke dafür!


Text: Carolin Raffelsbauer und Bilder: Thore Brockhoff und Kristina Maier.

Mehr unter flickr.com/photos/183785626@N03/albums/72157716042684643 und unter kristinamaier.pixieset.com/schleppjagdellwangen/