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Ein Tag mit der Berkeley Hunt

Auf Einladung meines Freundes Richard B. fuhren wir zu dritt, meine Frau und Tochter waren auch dabei, zu Richards wunderschönem Landsitz Acton Hall in Berkeley in Gloucestershire, ganz im Westen Englands; denn Richard richtete das Meet, das Stelldichein, für die Berkeley Hunt aus. Es ist die älteste Meute in ganz Großbritannien und auch die älteste im Privatbesitz, ungefähr seit dem 12. Jahrhundert, seit mehr 800 Jahren, und genauso lange leben die Berkeleys auch auf ihrem ganz in der Nähe gelegenen Schloß, Berkeley Castle.

Der Tag begann mit herrlichem englischem Landnebel, durch den sich die Sonne langsam aber sicher durchkämpfte, so dass es ein wunderschöner Tag wurde.





Gegen 10.15 Uhr bekam ich auf einem Nachbarhof von Helen Hillard, Joint Master, und eine Legende in englischen Jagdreiterkreisen, mein Leihpferd Smurphy übergeben.  Smurphy war ein 10 jähriger großer Wallach, starke Knochen und doch zugleich ein flotter, ausdauernder, gut springender und dazu auch noch leichtrittiger Ire. Er war hervorragend von Helen Hillard und ihrem Team herausgebracht. Angeblich sollte er Sattelzwang haben und sich für ein Rennpferd halten. Nichts davon stimmte, er war ein echter Kamerad. Danke Smurphy!

Wir ritten also die halbe Meile zu Richard. Dort wurden auf dem großen Rasen vor dem Haus bereits  stilgerecht Portwein und Whisky sowie Sandwiches auf silbernen Tabletts von Richard, seiner Familie und dankenswerterweise auch meiner Frau und meiner Tochter serviert.



Pünktlich um 11 Uhr traf die Meute ein. Geführt wurde sie nur vom Huntsman und vom Whipper-in (Pikör), die beide in gelb, der traditionellen outdoor livery der Berkeleys ritten. Der gelbe Rock leitet sich vom blau-gelben Wappen der Berkeleys ab.




Anwesend waren auch Lady Berkeley, inzwischen auf Grund ihres Alters zu Fuß, sowie ihre Schwiegertochter Daisy Berkeley, eine erfolgreiche britische Olympia-Vielseitigkeitsreiterin, die auch entsprechend schneidig ritt.




Die Damen trugen meistens den blauen Rock mit rotem Revers, der indoor livery der Berkeleys. Eine mitreitende junge, fröhliche Dame, Camilla, ebenfalls in blau-roter aber etwas abgewetzter Jacke, sagte stolz, ihre Familie reite jetzt in der fünften Generation mit den Berkeleys und die Jacke sei noch von ihrer Großmutter – gute englische Wolle!

Nachdem ich mich rundum vorgestellt und bedankt hatte, wurde ich von vielen Mitreitenden superfreundlich aufgenommen. Wir waren etwa vierzig Reiter und genauso viele passionierte country people zu Fuß aus der näheren Umgebung. Lady Berkeley meinte humorvoll, seit die königliche Familie das letzte Mal mitgeritten habe, sei ich wohl wieder der erste Deutsche.

Nun ging es aber endlich los, Field Master Nelson Rowe und einige Wagemutige sprangen über die wirklich große Hecke aus dem Grundstück, meinem Leihpferd wollte ich solche Risiken aber doch lieber nicht gleich zumuten ☺




Chris E. nahm mich unter seine Fittiche und so folgten wir den Hunden auf dem ersten Trail.  Die Hunde wurden immer wieder in der Nähe von Trails angelegt, kaum hatten sie den Trail gefunden, hieß es „Hush, hounds are speaking“ und ab ging die Reise hinter dem Geläut der Meute.



Das Gelände war von flach bis leicht hügelig, für Kenner: es sind die Ausläufer der Cotswolds. Alles waren große Koppeln für Vieh und immer von gewaltigen Hecken mit kleinen Gräben davor und dahinter umfasst. Zum Glück hat die Meute sich aber zwischen vielen Koppeln solide Sprünge gebaut, so dass man gut weiterkam.



Smurphy nahm die ersten drei Sprünge mit kleinem Stocken und Katzenbuckel, danach ließ er sich fliegen, und der Tag war ein herrlicher Ritt.



Smurphy lief die Galoppstrecken und Sprünge total sicher und dann stand er wieder ganz entspannt und wartete.



Auf den Koppeln waren Jungbullen, Schafe, Ziegen, Schweine, aber weder Pferd noch Vieh störten sich aneinander und kaum waren wir in die Koppel hineingesprungen, waren wir auch schon vorbeigaloppiert und hinausgesprungen.

Im Einsatz waren etwa 15 Koppeln Old English Foxhounds.  Ähnlich wie die in Deutschland anzutreffenden, aber doch kräftiger – stout. Das sei, so erklärte man mir, in dem teilweise feuchten und schweren Gelände auch notwendig, denn man reite bis zur Dunkelheit und da seien Kraft und Ausdauer von Nöten.

Unterwegs gab es immer wieder längere Stopps, weil die Hunde nicht auf einem Trail angelegt wurden, sondern den Trail häufig erst einmal finden mussten.



In diesen Pausen hielten mir alle Mitreitenden ihre großen und kleinen Flaschen hin und so mischten sich Sloe Gin, Baileys, Sherry, Portwein, Cognac, Whiskey, Rum mit Vanille und Undefiniertes nicht nur in meinem Magen sondern auch in meinem Kopf. Abgelehnt habe ich nur den Whisky mit warmer Milch.




Landschaftlich besonders schön war ein Panoramasprung auf einer Kuppe, bei dem man beim Absprung noch nicht den Landeplatz sah. Dieser war aber wunderbar auf einer abschüssigen Wiese mit fantastischem Blick auf den Fluss Severn, der mit dem zweitgrößten Fjord der Welt wie ein kleines Meer in die Nordsee mündet.




Das Wetter war vorfrühlingshaft warm und sonnig, der Boden daher nicht ganz so tief wie sonst, die Jagd aber natürlich schwerer für die Hunde.

Eine Freude waren die Kinder auf ihren Ponies, die mit Riesenfreude, Können und Courage mitritten und furchtlos sprangen. Das ist Nachwuchsarbeit!



Gegen 14 Uhr – nach drei Stunden (!) - hieß es auf dem Hof eines der mitreitenden Farmers „second horses“ und die Pferde wurden gewechselt.

Manchmal löste sich das Jagdfeld in mehrere Gruppen auf und wenn man verpasste, dem Master Nelson zu folgen, war man plötzlich allein auf weiter Flur. Zum Glück fand ich immer einen mitreitenden Farmer, der wusste, wo und wie es weitergeht.

Wunderbar war es dann in die Abendstimmung hineinzureiten. Es wurde langsam wieder kühler, die Welt wurde ruhiger, ein leichter Abendnebel senkte sich, die Gespräche wurden leiser. Von vierzig Reitern am Morgen waren noch zwölf dabei.  




Um 18 Uhr gab ich mein Pferd nach sieben Stunden glücklich, zufrieden, ermattet und mit Bedauern am Lkw-Transporter wieder ab und fuhr in bester Stimmung und begeistert vom englischen Reiterlandleben wieder zu unserem Freund Richard.

Am nächsten Morgen trafen sich einige Reiter zum Gottesdienst in der wunderbaren alten Kirche Saint Mary‘s Berkeley neben Berkeley Castle und dem Kennel der Hunde, der im 19. Jahrhundert modernisiert worden war.  

Ein wunderbares Jagdwochenende mit begeisterten und begeisternden englischen horse people, die mit ihrem Pferd, ihrem Jagdreiten und ihrem Landleben fest verwachsen sind, geht zu Ende. Unvergeßlich! Mögen der Berkeley Hunt mindestens weitere 800 Jahre geschenkt sein!
Text: Konstantin Mettenheimer und Bilder: Louisa Purvis
Mehr Info: berkeleyhunt.co.uk