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Schleppjagd - quo vadis?

Sogenannte „Fünf-Sterne“-Schleppjagden wie Isernhagen – manche sehen sie als das „Große Jagdreiterabzeichen“  und andere halten 40 dicke Hindernisse im Rennbahntempo für Anforderungen, die sie nicht leisten können oder nicht leisten wollen. Die Ausrichtung einer solchen Veranstaltung bedeutet in jedem Fall enorme Anstrengung seitens des Veranstalters, und der ist dann entsprechend enttäuscht, wenn das nicht angenommen wird. Die Umfrage von Schleppjagd24 auf den Beitrag von Eugen Klein (Isernhagen) hat interessante erste Reaktionen hervorgerufen.

Einige Auszüge lesen Sie hier:
Kürzere Schleppen?
Camill von Dungern (Fuhrberg) ist der Senior-Master der Niedersachsen-Meute, die ihren Ursprung in Isernhagen sieht und dort seit den Anfängen im Einsatz ist.  Zur Zahl der Reiter im ersten Feld kommentiert er: „Wenn man die Schlepper und die Equipage dazuzählt, sind es sieben Reiter mehr gewesen (und gleich eine Verdoppelung des Prozentsatzes). Aber natürlich trotzdem zu wenig. Das zweite Feld war gut besetzt. Die sind auch fast alles gesprungen - nur die Hecken Reihe am Schluss nicht.
Wenn man bedenkt, dass alles gut ging, kein schwerer Sturz, und das schon seit einigen Jahren, ist das bemerkenswert. Wahrscheinlich trauen sich nur gute Reiter, es spricht aber auch sehr für die Hindernisse, Streckenführung und Organisation. Der Weg, den wir beschritten haben, d.h. die Hunde laufen mehr und weiter als die Reiter, ist sicher richtig. Aber eventuell müssen wir auch Strecken kürzen?
Es gibt viele Termine, viele Meuten und dadurch vielleicht mehr Wettbewerb als früher.“

Überzogener Speed
Dr. Gerhard Bosselmann (Egestorf) macht sich in erster Linie Gedanken über das Tempo, das immer mehr zugenommen hat. Er schreibt allhemein, nicht in erster Linie im Hinblick auf Isernhagen:
„In dieser Saison habe ich festgestellt, dass sich eine Trendwende abzeichnet: Vom frischen, aber geregelten Vorwärtsgalopp mit harmonischen Sprüngen zu ungeregeltem Vorwärtsrasen und teils gefährlichen Sprüngen.
Die Hunde vieler Meuten sind leichter und schneller geworden. Viele jagen auf Sicht und wenig mit tiefer Nase auf dem scent.  Es ist „in“ geworden, als schnelle Meute zu gelten. Ich fände es auch für die Meuten besser und halte es zudem für einen Sympathie- und Wirtschaftsfaktor, als Meute dafür berühmt zu sein, besonders gut hinter ihr reiten zu können.
Überzogener speed ist nur ein Thema von vielen bei immer weniger Aktiven auf Reitjagden. Da wird „Jagd“ zu wörtlich genommen und man ist erstaunt über zurückgehende Teilnehmerfelder.
Unbemerkt hat sich das Klientel verändert: vom Haudegen und „hartem Hund“, der den Tod nicht fürchtet, zum verantwortungsvollen und eingespannten Unternehmer, Familienvater, einer Mutter, die alle eben mit ihrem Pferd einen schönen, sportlichen Tag verbringen wollen - ohne Schlafstörungen in der Nacht davor und mit überschaubarem Risiko.
Auch erfahrene Feldführer gibt es immer weniger. Diese achten auf den Rhythmus im Feld und heften sich eben nicht im gleichen Tempo hinter die Meute. Adrenalin ist gut, wenn es gerade dann unter Kontrolle ist. Gleiches gilt für Schleppenleger. Eine hohe Kunst, die auch dazu beitragen kann, Tempo aus dem pack zu nehmen. Durch weite Bögen, weniger scent oder gar nur eine Schleppe mit Bodenverwundung.
Wird das nicht beachtet, dann addiert sich das zu einer oft unverantwortlichen „Raserei“ insbesondere auf den ersten Lines. Gerade dort, wo viele Reiter ein Problem haben, ihr Pferd zu halten. Über Eignung, Rittigkeit und Ausbildung an dieser Stelle gar nicht zu sprechen...
Ich finde diese Raserei weder nötig, noch sicher - insbesondere am Sprung. Natürlich kann man aus einem 800/900er Tempo springen. Aber bitte mit Erfahrung und einem erfahrenen Pferde. Die meisten Reiter reiten solche Tempi zu Hause nicht. Auf den Jagden dann schon. Oft weil ihnen jegliche Kontrolle entgleitet. Wenn dann auch noch zu niedrige Hindernisse gebaut werden, die nicht Achtunggebietend sind und die Pferde ein wenig zurück bringen - sind Unfälle und unschöne Bilder vorprogrammiert. Ein Pferd sieht erst ein bis zwei Galoppsprünge vor dem Hindernis dreidimensional!“

Zunehmendes Sicherheitsbewusstsein
Hubertus Herrmann (Ursulapoppenricht) ist Veranstalter der „Kurfürstlichen Schleppjagd“ in Amberg. Er sieht ein zunehmendes Sicherheitsbewußtsein und daraus erwachsenden Trend zur  Hallenreiterei und macht dafür auch fehlende Ausbilder verantwortlich. Er schreibt:

„Als ich gelesen habe, dass in Isernhagen nur sechs Reiter von insgesamt 70 im pflichtspringenden Feld ritten, war ich einerseits schockiert, aber nicht sonderlich überrascht.
Über zu wenig Reiter kann sich der Veranstalter Eugen Klein nicht beschweren. Aber wer Isernhagen kennt, der weiß, dass die Veranstalter sich einen Namen gemacht haben: mit der langen Geschichte  der Jagd und den zahlreichen Hindernissen. Und wer es nicht weiß: Hindernisse sind nicht von Ewigkeit. Auch diese gehen kaputt, zerfallen und müssen ersetzt werden. Ein ewiger Kreislauf, der nie endet. Und für was ? Für sechs Reiter, die das wirklich schätzen? Kein Wunder, dass hier Verärgerung seitens der Veranstalter entsteht.
Aber woher kommt das? Ein Trend, den wir selbst verschuldet haben. Sandkastenreiterei, völlige Überschätzung durch überdimensionierte Sicherheitstechnik und Reitlehrer, die nicht mehr als ein Übungsleiter sind und selbst vor dem bösen Ausreiten Angst haben, führen zu dieser Entwicklung. Jungen Reitbegeisterten wird immer mehr suggeriert, dass das Reiten gefährlich ist. Mag sein, aber die Gefahr beginnt im Kopf. Wenn mir eingebläut wird, dass im Gelände der Sturz schlimmer und brutaler ist als in der Reithalle, warum soll dann ein Siebenjähriger hinaus wollen? Hätten wir das mal beim Autofahren gemacht… dann gäbe es vielleicht auch weniger Autos auf den Straßen.
Das Ganze führt also dazu, dass auf den meisten Schleppjagden die Hindernisse (sofern es überhaupt noch welche gibt) eingegraben werden und gerade mal bessere Stolperstangen sind. Die Folge sind anscheinend mehr Unfälle als man denkt. Denn durch Schutzweste und Schulterklappen entsteht ein falsches Sicherheitsbewusstsein, das einen selbst auf das Motto „mir passiert nichts“ hebt. Ganz ehrlich – wer mit Ritterrüstung auf dem Pferd sitzt, sollte meiner Meinung nach das Reiten bleiben lassen und Golf spielen gehen.
In ein paar Jahren werden sich die Schleppjagden in Deutschland halbiert haben. Davon sind dann etwa 90 Prozent Einsteiger- und Slow-Mo-Jagden, mit zehn Kilometer Strecke und acht Stangen-Hindernissen mit einer Höhe von 40 cm auf ebenen Boden. Schwere anspruchsvolle Jagden wie Isernhagen, Sudermühlen, Grabow, Seligenporten etc. sind dann entweder verschwunden oder ein Alleinstellungsmerkmal.
Was können oder müssen wir dagegen tun? Die Jagdreiterei hat nur dann eine Zukunft, wenn weniger Quantität und mehr Qualität propagiert wird. Es braucht keine 70 Reiter, wenn nur sechs Springer dabei sind. Es sollte also von Grund aus so viele Reiter auf den Jagden sein, dass die Jagd kein Minus macht, das Feld aber nicht zu groß wird. Das ist Wunschdenken, völlig klar. Wir brauchen keine Debatten, ob man einen überbauten Graben mit einbaut oder nicht. Es gilt, die Ausbildungszentren wieder mehr in den Fokus der Jagd zu rücken. Doch auch hier die Frage: wo anfangen und wer soll es machen? Zumindest haben wir schon einige wenige auch hier in Bayern, die jungen Reitern, das Jagdreiten zumindest ein bisschen nahe bringen und auch dafür sorgen, die Liebe zu erhalten.
Bestes erschreckendes Beispiel aber haben wir hier in Amberg: drei Reitvereine, die früher als Highlight des Jahres eine Fuchsjagd veranstaltet haben. Und jetzt? Jetzt haben wir im Umkreis von 50 km mit zig Reitställen und Ausbildungsmöglichkeiten kaum noch regelmäßig aktive Jagdreiter. Stattdessen verkorkste Dressurreiter und Hallenfetischisten für die einmal ums Reitgelände rumreiten ein halber Wanderritt ist, der zwei Wochen Planung und Absprache benötigt."

Blick von außen
Einen Blick von außen auf die Jagdreiterei gibt Dörte Schmidt (Menslage). Sie ist Falknerin, also auch Jägerin, und bildet sich gerade ein Pferd aus, um reitend mit Sakerfalke und Habicht  zu jagen. Sie ist fasziniert von der Schleppjagd-Reiterei. „Das Geläut der Meute, der Geruch der Natur, die Landschaft, das Ganze in Verbindung mit einem Ausritt und der anschließende grüne Abend! Ein absoluter Traum!“ Sie  reagiert auf die Stichworte Kleiderordnung und den angeblich herrschende Wunsch nach einer Hetzjagd. Sie schreibt:
„Zum Thema Kleidung: Man sollte sich wohl fühlen, sie muss nicht unbedingt rot sein. Betonung auf "sollte". Wenn man sich die passenden oft saisonal wechselnden Sets in gleicher Farbe/Muster aus Gamaschen, Fliegenohren, Schabracke und Abschwitzdecke anschaut, kommt man schon ins Grübeln, ob das Aussehen oder das Reiten wichtiger sind. Bei der Turnierbekleidung meckert auch niemand über die uniformartige Gestaltung. Die gesamte englische Reiterei hat sich aus der Kavallerie entwickelt, leider ohne die sorgfältige lange Grundausbildung der Pferde. Die heutige Kavalleriereiterei weist noch strengere Kleidungsvorschriften auf als die Jagdreiterei.
Aber möglicherweise liegt es auch an der Ausbildung der Reitschüler. Ich habe reiten gelernt in den Niederlanden. Man hat mich auf ein Pony gesetzt, nachdem ich nach drei Longenstunden nicht runter gefallen bin (ohne jede Form von Hilfszügeln), bin ich kurz in der Abteilung geritten, dann ging es ab ins Gelände. Wieder in Deutschland war meine Enttäuschung umso größer. Man hat mich auf ein 1,70 m- Pferd gesetzt (als 10 - Jährige), was stur in der Abteilung hinter seinem Vorderzossen getrottet ist und im Maul eigentlich tot war. Das war auf drei getesteten Reiterhöfen immer ein ähnliches Bild, so habe ich die Lust verloren, man wurde nicht gefördert, die Reitstunde wurde abgesessen. So habe ich auch das Springen nie gelernt, das war immer den gutbetuchten Sprösslingen mit ihren Privatpferden vorbehalten. Wie ich später erfuhr, lag es nicht an meiner Talentfreiheit, die Reitlehrer in den 90ern waren größtenteils einfach unmotiviert.
Inzwischen bin ich auf die Westernreiterei umgestiegen (wo man sich lustigerweise wie ein in Glitter gefallenes Playmobilmännchen kleiden kann) und bilde meine 3,5 jährige Stute selbst aus.
Auf der anderen Seite handelt es sich bei der Jagdreiterei um eine traditionslastige Freizeitbeschäftigung. Die Parforcejagd, von der es wohl keine lebenden Zeitzeugen mehr gibt, ist aus sehr guten Gründen abgeschafft worden.  Ich glaube nicht, dass heutige Jagdreiter nur Wild hetzen wollen. Sicher mag es naturentfremdete militante Deppen geben, die in ihrer eigenen kleinen Bambi-Welt genau das annehmen. Vor solchen Leuten braucht und sollte man sich nicht rechtfertigen. Solche Leute verteufeln auch die Imkerei als Massentierhaltung.
Was ist das eigentliche Problem in Isernhagen gewesen? 70 Leute finde ich, ist eine recht gute Anzahl. Ein Aus für Isernhagen ist meiner Meinung nach das falsche Signal, das könnte sich wie ein Flächenbrand auf die Schleppjagd allgemein auswirken.
Vielleicht könnte man die Reiter via Online-Fragebogen befragen, was sie vom Ritt im 1. Feld abhält. Ich hoffe, dass es eine Lösung für Isernhagen geben wird und man den Standort nicht aufgibt.“
Weitere, möglichst  sachbezogene, Meinungsäußerungen sind willkommen. Es bleibt die Frage: Was hat so viele Reiter in Isernhagen vom 1. Feld ferngehalten?
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