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Auch ein Hans kann noch was nachholen

Als „Hänschen“ nichts gelernt? Macht nichts. Umlernen ist bis ins hohe Alter möglich. Das bewies der „harte“ Kern der Meller Jagdreiter, die sich mit acht Teilnehmern bei Phillip Jakob zum Lehrgang mit dem Thema: Der leichte (und sichere) Sitz beim Jagdreiten angemeldet hatten. Monika Fiegert berichtet, wie das ist, wenn Theorie auf Praxis trifft.

Auftakt: Freitagabend: Neunzig spannende Minuten Theorie: Unter den kritischen Augen und Ohren seines „Lehrmeisters“ Axel Henrich führte Philipp Jakob mit zahlreichen Bildern aus der Praxis powerpoint-unterstützt ein in die „Theorie des leichten Sitzes beim Jagdreiten“.  Das bedeutet konkret, so Philipp:  
- der Steigbügel ist kurz, die Wade  liegt stets am Gurt (und kippt nicht nach hinten)
- der Steigbügel ist durchgetreten, da sich der Reiter auch im Steigbügel ausbalancieren muss
- der Oberkörper knickt in der Hüfte ein und die Hände liegen am Halsriemen an  und verhindern unruhige Hände und das Ziehen im Pferdemaul.
Ziel ist es, so Philipp, durch diesen Sitz zügelunabhängig zu reiten (d.h. nicht am Zügel ziehen, nicht in den Rücken plumpsen) und knifflige Situationen durch einen stabilen und ausbalancierten Sitz gut zu meistern, ohne dabei das Pferd zu stören. Soweit die Theorie, eigentlich doch ganz einfach und auch einsichtig, davon konnte uns Philipp am ersten Abend mit seinem anschaulichen Vortrag wirklich überzeugen. Trotzdem hatten wir alle ein mulmiges Gefühl; wer war es schon gewohnt, mit so kurzen Bügeln, so durchgetretenem Fuß im Steigbügel und in der Hüfte eingeknickt zu reiten?
Haben wir „Alten“ uns da nicht etwas zu viel vorgenommen? Ist eine komplette Änderung des Reitstils nach 40 Jahren und mehr  überhaupt möglich? Und ist sie sinnvoll? Schließlich liegt unser Durchschnittsalter bei kurz vor 60; dank Lena wurde der Schnitt leicht nach unten korrigiert.


Der erste Tag: Mit sehr gemischten Gefühlen traten wir dann auch am Samstagmorgen zu unseren ersten beiden Praxiseinheiten an  - zwei Gruppen à vier Reiter hatten je eine Einheit vormittags und nachmittags zu absolvieren - bei optimalem Wetter auf dem herrlichen Vielseitigkeitsplatz im Oldendorfer Reiterwaldstadion ein:  Die Bügel gefühlt einen guten halben Meter kürzer geschnallt (die einhellige Meinung: „So kann man nicht reiten“), den Halsriemen anmontiert  und die Steigbügel durchgetreten ging es los unter anderem damit: Traben über Cavallettis in der Position des Leichten Sitzes, um das Gefühl für diesen zu entwickeln. Das geflügelte Wort des Tages „Bein an den Gurt“; es ging über einfache Stangen, Cavalettis, ein Minibaumstämmchen. Es wurden Wälle durch rhythmisches Galoppieren überwunden („Bein an den Gurt“, “Hände an den Halsriemen“, „in der Hüfte einknicken und abfedern“)…Axel Henrich, Philipps Lehrmeister, war auch zu den Praxiseinheiten extra angereist und unterstützte seinen einstigen Schüler wohlwollend. Auch er wurde nicht müde, uns von der Sinnhaftigkeit des Sitzes und seiner Sicherheit für Pferd und Reiter zu überzeugen.


Mittagspause: gottseidank…die Skepsis blieb; wie sollen mit diesem Reitstil Hindernisse überwunden werden können? Am Nachmittag reiten wir dann tatsächlich über „richtige“ Hindernisse, und es geht!! Zwar begleitet uns auch in der zweiten Praxiseinheit Philipps Ruf „Bein vor“, oder „Bein an den Gurt“, aber am Ende haben wir dann schon das Gefühl, dass es etwas besser klappt, das Wort „super“ nimmt Philipp nun regelmäßig in den Mund, ergänzt durch häufiges „perfekt“ von Axel.
Samstagabend: Gemeinsames Brainstorming beim Griechen: Ist das nun der Stil, den wir künftig bei Schleppjagden reiten wollen?  Die Skepsis ist noch da…andererseits, wenn man sich so Bilder von „großen“ Jagdreitern anschaut…die reiten ja alle so – mit superkurzem Bügel, der am Sattelgut liegenden, nie die Position verlassenden Wade, mit dem durchgetretenen Bügel und dem in der Hüfte eingeknickten Oberkörper….


Sonntagmorgen: Letzte Praxiseinheit, jetzt soll es noch mal ans Eingemachte gehen. Gemäß der Prämisse ‚Vom Leichten zum Schweren‘ sollen jetzt  ‘Sprünge für Erwachsene‘ überwunden werden: im leichten sicheren Sitz: Graben, Hecken,  Billardwall, Bäume, das ganze Programm von Hindernissen aus der E und A-Vielseitigkeit wird anvisiert. Zunächst einzeln, und zum Abschluss springt jeder für sich einen Parcours im leichten und sicheren Sitz, und es geht: Strahlende Gesichter, alle sind heile angekommen; ein überraschendes Verweigern eines Pferdes an einer Hecke hat gezeigt, dass der leichte Sitz tatsächlich auch ein sicherer Sitz ist. Mit durchgetretenen Bügeln und der Wade lotrecht am Gurt kam es nicht zum „aus dem Sattel katapultiert werden“.

Geht doch!


Abschluss: Mit mehr als 800 Bildern und Videosequenzen wurde mittags der Lehtrgang ausgewertet. Und ja, man konnte einen Lernzuwachs erkennen: Saßen wir während der ersten Praxiseinheit noch wie Gummipuppen beim Üben am Leichten Sitz im Trab auf unseren Pferden, weil das Fundament noch nicht gefestigt war - sprich Wade und Fuß nicht dort lagen, wo sie hingehörten - machten die Bilder der folgenden beiden Einheiten schon deutlich, dass wir alle einen Lernfortschritt verzeichnen konnten. Es ist zwar alles noch nicht so richtig gefestigt, aber wir sind uns alle einig:  wir bleiben dran und werden den leichten und sicheren Sitz beim Jagdreiten anlässlich der nächsten Schleppjagd versuchen (!) umzusetzen. Einen großen Dank an Philipp und seine große Geduld mit uns Freizeitreitern und seine motivierende Art, uns von diesem ja wahrlich NICHT neuen Reitstil zu überzeugen. Axel Henrich, sein Lehrer, hat es treffend formuliert: „Der Schüler von damals, ist heute zum ersten mal selbst der Lehrer; herzlichen Glückwunsch, Philipp, bist ein würdiger Nachfolger!“. Dem können die Meller Jagdreiter sich anschließen. Wir planen unbedingt eine Wiederholung, gerne wieder mit dem Altmeister und seinem würdigen Nachfolger.
Text: Monika Fiegert und Bilder: Christina Schröder