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Cledith - Berufsziel: Jagdpferd - 6. Teil

Vorwärts heißt nicht „mehr Tempo“. Ihre erste Jagd haben Axel Henrich und vormals Cledith, jetzt Julchen genannt,  mit einigem Erfolg abgeschlossen – das Pferd mit  mehr, der Reiter weniger, d.h. mit einigen Blessuren. Jetzt galt es die Erfahrungen auszuwerten und an den Defiziten hinsichtlich Rittigkeit und Ausbildung weiter verbessernd zu arbeiten. Unsere Serie geht weiter:

Die Defizite bei der Rittigkeit in Form von stabilem geradeaus galoppieren waren (sind) zur Zeit wohl das Hauptproblem. Julchen schlängelte sich im Galopp von nicht nur einer Spur in die andere, sondern tat dies auch noch in sich selbst, wobei sie fliegende Wechsel in 3er bis 5er Takt hinlegte: meinem armen Hintermann wird bei der Jagd in Kirchdorf bei diesem Hin und Her bestimmt ganz schwummerig vor den Augen geworden sein, wofür ich mich selbstverständlich nach der Jagd entschuldigte!
Weil ich den  Ausbildungsstand des "Geraderichtens" zu Hause schon als „durchaus brauchbar" empfunden hatte, wunderte ich mich auf der Jagd dann doch, wie wenig davon tatsächlich vorhanden war. Hier zeigt sich mal wieder, dass der wahre Ausbildungsstand eines Pferdes nicht im Viereck, sondern im Gelände, und zwar in der Gruppe, zum Vorschein tritt!
 
Die folgerichtige Arbeit konnte/kann also nur  darin bestehen das Pferd noch entschiedener vorwärts, d.h. geradeaus zu reiten, was in freien Gängen (auch hier, nicht zu verwechseln mit mehr Tempo, sondern mit der geringstmöglichen Beizäumung geradeaus) im Gelände, und zusätzlich an der Longe (widerspricht sich ein wenig, ist aber richtig) erreicht wird!
Im Gelände habe ich mir mit gutem Erfolg durch den Köhlerzügel (auch Thiedemannzügel genannt) helfen lassen, der, korrekt verschnallt (d.h. er wirkt erst wenn sich das Pferd ü b e r die naturgegebene Haltung heraushebt, oder sich seitlich verstellen will), und zeitlich beschränkt, ein gutes Hilfsmittel sein kann. Selbstverständlich sollte hiermit nicht gesprungen werden, da dieser Zügel das Pferd im Sprung behindert!


 
Die Longenarbeit muss so ausgerichtet sein, dass es dem l e i c h t ausgebundenen Pferd (der Ausbinder beschränkt das Pferd nur seitlich und nach oben, nie aber im Entspannen und im Strecken) den Weg nach vorne zeigt (in der Reitvorschrift als "Vorwärts" bezeichnet, und oft als "mehr Tempo" missverstanden), was durch nicht zu starkes, aber stetes Nach-Treiben mit der Longierpeitsche erreicht wird! Es muss bei dieser Arbeit auch strengstens darauf geachtet werden dass sich das Pferd in keiner Situation auf das Gebiss legt. Schon Maercken zu Geerath wußte bereits 1913, wie die Anlehnung in der Tiefe zu größten Mißverständnissen, und das bis heute, führen kann. Das ist übrigens auch meine eigene Erfahrung


 
Erwähnenswert ist mit Sicherheit auch die Verbesserung der Annahme des Gebisses. Während Cledith/Julchen zwar auf den parierenden Zügel durchaus reagierte, blieb die Parade selbst aber, vor allem linksseitig, irgendwo stecken. Jetzt ist es so, dass ich mit den Paraden durchkomme, was ich ausschließlich daraus zurück führe dass ich Geduld bewiesen habe, und nicht versucht habe das Problem mit Härte zu beseitigen; immer mal wieder angefragt, ob sie nicht zum Nachgeben bereit ist, hat letztendlich zum Ziel geführt.
Auch das Zungenproblem scheint damit zusammen zu hängen. Sobald sie ihre „Komfortzone" verlassen muss, kommt links die Zunge raus, mal weniger, mal stärker, aber wenn sie voll an den Hilfen steht - das ist selbstverständlich im Moment nur zu Hause der Fall - bleibt die Zunge drin. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt.
 
Diese Arbeit sind wir dann auch gründlich angegangen, und bis zur nächsten Jagd haben wir uns gute sieben Wochen Zeit gelassen.



Zur nächsten Jagd in Merfeld hatte ich das Glück ein hauseigenes Führpferd mitnehmen zu können; die "Chefin von alles" ritt unseren 21j. "Moonlight Dancer" vorweg, was meine Arbeit mit Jule um einiges erleichterte. Gerade bei jungen Pferden ist ein Führpferd an dem sie sich orientieren können besonders wichtig. Während ich auf der ersten Jagd  fragen musste: "Darf ich hinter Dir reiten?", und "Kann  ich hinter Dir reiten?", es kann ja durchaus sein, dass das vorhergehende Pferd nicht mag, dass man zu dicht kommt (läßt sich bei einem jungen Pferd manchmal nicht vermeiden), oder gar ausschlägt, kannte ich die Eigenschaften  dieses Führpferdes natürlich ganz genau. Und so haben wir es dann auch gewagt.
Zur Jagd selbst:
Selbstverständlich habe ich mir wieder beim Huntsman und Jagdherrn Dispens geholt, zur Begrüßung der Meute den Helm aufbehalten zu dürfen, da Julchen in diese Phase sich doch sehr unruhig zeigte. Julchen blieb zwar ruhig, aber wie wichtig solche Vorsicht bei einem jungen Pferd sein kann, zeigte uns ein Mitreiter. Mit dem Helm in der Hand ging ihm sein Pferd regelrecht durch, umkreiste einmal im gestreckten Galopp die gesamte Jagdgesellschaft, um dann auf der Teerstraße auszurutschen, und zu Boden zu gehen. Zum Glück ging es bei Pferd und Reiter mit ein paar Prellungen und Schürfwunden ab, und beide konnten, mit meinem größten Respekt, an der Jagd ohne weiteren Zwischenfall teilnehmen.
Zur Begrüßung der Meute blieb Julchen zwar ruhig, aber beim Anlegen zur ersten Schleppe wurde sie dann wieder äußerst unruhig, so dass ich sie in kleinen Kreisen vorwärts gehen ließ. Es war schon ein kleines Pulverfass auf dem ich da saß. Aber  es war möglich die brennende Lunte fern zu halten.


Als die Schleppe dann abgelassen wurde, war auch Julchen sofort dabei. Ich konnte sie aber trotz heftigem Vorwärtsdrang gut auf unserem Platz halten. Dass dies auf Bildern trotzdem so harmonisch aussieht, darf ich ausnahmsweise mal mir selbst zuschreiben, denn mein oberster Grundsatz, gerade bei heftigen Pferden ist: "Das Wichtigste beim Zügel Annehmen ist das Nachgeben!" Zeig den Pferden mehrfach kurz, aber durchaus energisch (beidseitig, und ohne zu riegeln), dass Du das nicht möchtest, dass sie so stark vorwärts gehen wollen, und zwar solange bis sie das Tempo gehen, was sie gehen sollen. Aber gib sofort wieder nach. Kommst Du erst ins Ziehen, hast Du verloren, denn dann ziehen die Pferde auch, und alle Kontrolle ist futsch!
Nach der dritten Schleppe, fast genau wie bei der Jagd zuvor, wurde Julchen dann ruhiger und ging beinahe wie zu Hause. Wir konnten die Jagd mit sehr gutem Gefühl beenden, und durften dann drei Tage später mit einer Bloodhound-Meute einen zweistündigen Spazierritt im schönen Weserbergland mitreiten, was natürlich eine ausgezeichnete Möglichkeit war das Julchen "wieder runter zu bringen".
Solche Ritte werden wir in der Brut- und Setzzeit, und solange bis die Bremsen richtig angreifen neben Gymnastizierung mit Geraderichten als Schwerpunkt, in unser Ausbildungsprogramm zur Verbesserung der Rittigkeit aufnehmen, um dann im Herbst mit einem hoffentlich noch abgeklärteren Pferd an den Jagden teilzunehmen.
 Text: Axel Henrich, Bilder: Martina Henrich

Zur vorigen Folge hier: