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Man nehme... für ein ordentliches Jagdmenü

Keine Frage, zu einem schmackhaften, alle Sinne ansprechenden und allen Gästen mundenden Jagdmenü bedarf es neben vielen unterschiedlichster Zutaten, langer Vorbereitungszeit und einem Schuss Kopfarbeit, Esprit und Kreativität vor allem Mut, Durchhaltevermögen und einer guten Prise Fortune. Zwingend notwendig für ein klassisches Menü ist selbstverständlich auch ein entsprechendes Konzept.  Chefköche, denen es gelingt,  ein harmonisches Zusammenspiel  der einzelnen Gänge zu kreieren, dürfen sich glücklich schätzen. Im Supermarkt nebenan sind alle  notwendigen  Zutaten  auch nicht unbedingt zu bekommen. m Gegenteil:  Man muss schon ´mal raus in die Natur und sich einiges abverlangen. Bevor man sich also an eine solche kulinarische Herausforderung heranwagt, sollte die Entscheidung hierfür wohl abgewogen sein.

Nun aber zu unserem Menü-Rezept!

Man nehme an Zutaten:
…   Eine Anordnung und Abfolge der Menügänge unter der Maxime “… wie der Hirsch ziehen würde!“ (1)
…   Einen letzten schönen Spätsommertag mit noch wohltuend wärmenden Sonnenstrahlen, die ersten leisen   
      Nachtfröste  haben sich bereits eingeschlichen.
…   Als Vorspeise (Hors d’oeuvre) darf eine die Seele erwärmende Jagdpredigt – Erdung aller Geschöpfe und die
      Rückbesinnung der Menschen auf ein Leben im Einklang mit der Natur (2) – mit Jagdsegen für eine „Gute
      Jagd“ und die gesunde  Rückkehr von Hund, Pferd, Reiter und Zaungast nicht fehlen.
…   Den Zwischengängen vorbehalten sollten sein, etwa knapp zwei Dutzend wie zufällig in die Landschaft  
      gestreute, respektable  Hindernisse als hätten sie schon immer dort  gelegen oder seien gerade eben beim
      Holzrücken  entstanden, moderate Wassergräben und weitere Abwechslung versprechende Geländehöhen-
      unterschiede und  –besonderheiten.
…   Bei dem ersten  der beiden Hauptgerichte darf es an Deftigkeit nicht fehlen:  Eine satte Portion aromatisch-
      würziger Wald in unterschiedlichster Ausprägung  und wort-wörtlich fast zum  Anfassen (für die im Jagdtempo
      plötzlich in den  Kopf schießende Frage: ´nehme ich den Baum  nun rechts oder links herum!?´ sollte im
      eigenen Interesse nicht zu viel Zeit vertan werden…), ordentlich gespickt mit klobigen Sprüngen und filigran
     daniederliegenden, in ihrer Gänze bereits abgestorbenen und dennoch noch vereint mit Stamm und Krone an
     bessere Zeiten erinnernde  „Sturmopfer“. Wenn Tischmusik (3) dann leise von weit her kommend an den
     Gästen vorbeiweht, dann ist für diesen Gang alles beisammen.
…   Nach dieser anstrengenden und Konzentration fordernden schweren Kost  bietet es sich an, diese mit einem
      nicht zu süßen Aperitif (beispielsweise einem geschmackvollen Sherry) abzurunden und in Verbindung mit
      einer (Achtung:  nur kurzen!) Pause Lust auf Mehr und vor allem Neues zu erzeugen. Hier ist es wichtig, den
      „dramaturgischen Spannungsbogen“ zu erhalten und die „auf den Geschmack gekommene“ Jagdgesellschaft
      auf den ersten dramaturgischen  Höhepunkt vorzubereiten…
…   Mit dem nun folgenden zweiten Hauptgang kündigt sich einer dieser Höhepunkte an:  Als Kontrast zur
      Dichtheit und Enge des vorausgegangenen Gerichtes ist jetzt Leichtigkeit, Luftigkeit und befreites Atmen
      angesagt:  Ein kleiner Graben, ein großer vergessener Baumkoloss, ein niedliches Gatter und plötzlich ist sie
      da!  Eine atemberaubend schöne, nur von ein paar Eichen- und Erlenhainen aufgelockerte und an Ostpreußen
      erinnernde Wiesenlandschaft, so weit das Auge reicht: wirklich! War hier nicht vor nicht einmal dreißig Jahren  
      Deutschland und Deutschland geteilt und Sperrgebiet?! … Und heute weit und breit nicht einmal ein
      Weidezaun in Sicht. Gottseidank:  Es ist wahr!


   Und noch ein drittes Hauptgericht  ist ein „Muß“: Nach ein paar hundert Metern, nach Durchqueren eines
      Riesengrabens (ehemals Panzersperre) ein schönes Stück (etwa fünfzig Meter breite und grün-satte!) Wiese,  
      rechts und links eingefaßt von einem Busch- und Baumsaum. Nach vorn und hinten ist kein Ende abzusehen,
 
      man befindet sich in einer leichten Mulde. Nichts Genaues weiß man nicht… Auf der gegenüberliegenden  
      Seite scheint auch ein solcher Graben zu sein… Unspektakulär. Man sieht, der Tisch wird neu gedeckt:  drei
      Bedienstete (4) machen sich auf den Weg  weg von der Tafel und nehmen auch eine Flasche Anis mit??? Egal.
      Bis jetzt  sollte es allen Gästen offensichtlich gemundet haben. Tipp: ein Blick in die Gesichter sagt mehr als
      tausend Worte!  Und wieder  einmal kommt es jetzt auf einen der externen Köche (5) an, der wie auch bei   
      Industrieunternehmen  üblich, sein eigenes Personal mitbringen sollte –  das entlastet die eigen Küche. Der
      Tisch wird von diesem und seiner Mannschaft für alle Anwesenden fein säuberlich und für alle gut sichtbar
      eingedeckt, sodaß auch die üblicherweise entfernter sitzenden Gäste das Procédere  gut sehen können.
      Die Tischdiener (6) sind hochkonzentriert und sprungbereit! Es ist angerichtet! Wieso dürfen sie noch nicht
      los? Plötzlich von Ferne wieder: die Tischmusik! Welch´ eine Dramaturgie. Jetzt ist es Zeit für ein kleines
      Entrée:  Gänsehaut! Und dann: ab geht die Post! Die Tischdiener sind mit lautem  Radau auf und davon
      und hetzen die Kuppe hinauf, ihr Koch mit seinem Team mit Mühe dicht dahinter, dann die Gäste. Über der
      Kuppe auf einen Schlag: Eine Natur-Rennbahn soweit das Auge reicht und dann auch ein paar Hindernisse in    
      der  Ferne. Das dritte Hauptgericht auf einer Basis von Sandboden mit einer gemischten Haube aus       
      spärlichem Gras an Heidekraut : vorzüglich! Dankbaren Beobachtern dieser kulinarischen Völlerei  bietet sich    
      erneut ein Hochgenuß an gleichermaßen Ästhetik, Dynamik, Kraft und Harmonie mit einem ordentlichen
      Schuß  Lebensfreude pur, Carpe diem! Alle stürmen auf breiter Front mutig-entschlossen den Hindernissen
      entgegen, vor allem das dritte ist „gut gewürzt“ und erfordert volle Aufmerksamkeit. Aber perfekt
      abgeschmeckt entpuppt es sich als leckere Süßspeise für zwischendurch. Dabei lagen hier mal Minen,
      Selbstschußanlagen waren installiert und das nannte sich dann ´Todesstreifen´…


…   Unerbittlich geht das Festmahl  allmählich seinem Ende entgegen.  Da passt es gut, daß noch einmal jeder Gast
      die Gelegenheit bekommt,  das Geschehen sozusagen „in der ersten Reihe“  minutenlang  hautnah
      mitzuerleben. Dem ´Gästeführer´ (7) der weiter hinten angesiedelten Gäste kommt hierbei eine ganz wichtige
      Aufgabe zu:  Dieser sollte sich stilsicher bewegen und ´Etikette´ darf für diesen kein Fremdwort sein.
      Sachkundig muß er durch das Menü führen können und mit Hilfen und Erläuterungen seine Gäste bestmöglich
      unterstützen. Und als wenn die Regie es so vorbestimmt hätte, folgt sozusagen aus dem Lameng spontan ein
      würzig-pikantes Intermezzo als  Zwischenmahlzeit  auf die betörende Süße des letzten Ganges: eine Handvoll
      Tischdiener macht sich während der Arbeit in der Fläche sprichwörtlich und plötzlich „aus dem Staub“, ein
      erfahrener Mitarbeiter aus dem Team unseres besagten Kochs versucht, die Ausgebüchsten zurückzuholen.
      Vergeblich! Der  Koch beobachtet stattdessen, wie alle Gäste auch, mit Interesse aber in gelassen-souveräner
      Manier das Geschehen und beordert schließlich seinen Vize zurück. Und siehe da: nach einer kleinen, ganz und
      gar nicht langweiligen Weile spuren alle Ausreißer wieder wie sie sollen. Perfekt!
…   Tja, was bleibt als Nachspeise oder Dessert für ein solch üppiges Gastmahl? Es sollte nicht zu leichtgewichtig
      sein, schon allein deswegen, um die Balance zu wahren. Also wird zum Abschluß nochmals ordentlich
      aufgetischt:   Ein - wenn auch kleines  - tiefgrünes, feucht-kühles  Erlenwäldchen (so haben sich die Grimm’s
      vielleicht Rotkäppchens Wald vorgestellt), teils von einem klaren Bachlauf eingerahmt, wird als sehr seltene
      Kost intensiv  genossen, bevor es schon wieder hinter der Jagdgesellschaft liegt und mit einem Sprung über
      kreativ angerichtete Zitterpappel  zügig verlassen wird.


…   Der definitive Schluß- und Höhepunkt (die Schlußpraline…) wird nach einer ordentlichen Galoppade über
      besagtes unglaublich schöne Wiesenland kredenzt:  Mit einer alten, fast ehrwürdig wirkenden, bereits vor
      Jahren gefällten Birke, eingerahmt durch einen Traum von Eichenhain,  verabschieden sich Wald und Flur von  
      der beglückten Jagdgesellschaft. Halali! Halali! Halali! …Und wieder erklingt berauschende Tischmusik (8). Die  
      vom Gastgeber zu beauftragenden ´Lumpensammler´ (9) konstatieren:  Ausnahmslos alle vier- und zwei-
      beinigen  Gäste und Gehilfen wohlbehalten vom Marathon der Emotionen zurück. Schön. Die Gastgeberin
      und ihre Stellvertreterin (10) können  ihr Glück kaum fassen und liegen sich in den Armen. Bei allen Geladenen
      und  Funktionern liegen die Gefühle „blank“.
…   Der Rest ist (fast) Routine:  Eichenblätter direkt vom Zweig und beeindruckend große Möhren  (für wen auch
      immer) als kleine Wegzehrung für den Nachhauseweg.  Wie immer großes Gesindefressen mit Getöse. Kein
      großes, auch kein kleines Feuer: Noch Waldbrandgefahr! Nun doch: Sekt oder Selters! Und dann:  Abmarsch
      zum Essenfassen. Jagdkritik unerhört……….beeindruckend und dann nimmt der Kritiker (11) zu allem Überdruss
      die Gastgeberin auch noch auf den Arm………unglaublich……schön. Alle glücklich. Alles im Kasten (12). Ende.
…   Noch Fragen? Ach ja, die Köche und der Brei! Klar, geht doch – ist bewiesen!

(1)     Zitat Martin Bergmann, passionierter Jagreiter, -veranstalter und Parforcehornbläser sowie anerkannter, pfiffig-kluger „Jagdberater“;
(2)      Stefanie Arnheim, Pastorin der Gemeinde Suhlendorf;
(3)      Parforcehornbläserensemble ,Bien aller´ aus Verden;
(4)      Schleppenleger Michael Stutzbach mit seinen Begleitern Anna Magdalena (Lena) Biehler und Karsten Alt;
(5)      Master der Meute Dr. Maximilian Sponagel mit seinen Pikören Simone Klatt, Ida Eggers und Hans Dieter Rohrig;
(6)      9 Koppeln englische Foxhounds der Niedersachsenmeute;
(7)      Feldführer 2. Feld: Martin Bergmann;
(8)      Jagdhornbläsergruppe Hegering Bad Bodenteich;
(9)      Schließende: Anja Fehlhaber und Madlaine Jones;
(10)      Jagdherrin Fiona Alt und Stellvertreterin Antje-Ellen Lamcken;
(11)      Jagdkritik Eugen Klein;
(12)      Fotografie Thomas Ix;



Man nehme an Fachpersonal:
…   9 Koppeln superschnelle, energiegeladene englische Foxhounds.
…   Eine Mischung ausnahmslos gut vorbereiteter Pferde aus diversen Pony- und Kleinpferderassen, Warmblütern,
      Trabern, englischen und arabischen Vollblütern bis hin zum irischen Riesenhunter.
…   Etwa dreieinhalbdutzend jagdbegeisterte, hungrige und erwartungsvolle Jagdreiter von klein bis groß,
      mindestens ein Reiter im XXXL-Format sollte dabei nicht fehlen (ersetzt das Salz in der Suppe!).
…   Eine gute Handvoll Equipage-Reiter mit einer ebenfalls guten Mischung aus aufstrebenden Jung-Pikören   
      voller Leidenschaft und „alten“, immer noch zur Begeisterung fähigen Huntsmen und –women (!).
…   Eine ganze Portion qualitätvoller „Noch“-Jungmaster mit bereits breit gefächertem Erfahrungsschatz,  
      reiterlichem Ausnahmetalent, Überblick und sympathisch-verbindlicher Ausstrahlung.
…   Freunde, die einfach da sind, wenn man sie braucht.
…   Familie, auf die – wenn es darauf ankommt – ohne Wenn und Aber Verlass ist.  

Man nehme an Gästen:
 Solche, die tiefe innere Zweikämpfe einige Wochen, Tage oder Stunden vor dem großen Menü in Kauf                         
      nehmen, um dann doch die Entscheidung zu treffen, sich auf diesen Gastgeber einzulassen, von dem man   
      nicht wirklich weiß, was dieser kredenzen wird: Sekt oder Selters!?
…   Jene, die eine erwartungsfrohe Anreise in´s „Niemandsland“ mit der bangen oder verzweifelten Frage:
      „Komme ich wirklich an und wenn ja, wann und bin ich dann dort richtig?“ mit Herz und Mut auf sich nehmen.
…   Diejenigen, welche von der Einfachheit des Seins überzeugt und befähigt sind, ihren Emotionen zu vertrauen.
…   Menschen, die  zur Dankbarkeit fähig sind und wissen, daß niemand ohne Fehl und Tadel ist.
…   Jemanden, der selbstlos und mit vollem Risiko einfach kommt, um eine gute Sache zu unterstützen.


Nachwort
zum (etwas anderen) Jagdbericht der Schmölauer Grenzlandjagd am Samstag, 20.10.2018.
Allen Helfern, Ratgebern, Unterstützern, die ausnahmslos mit Herzblut mitgewirkt haben  und den teilnehmenden
Freunden und Gästen sagen wir auf diesem Weg  „Herzlichen Dank und Vergelt‘s Gott!“.
Es war eine wunderschöne, prächtige Jagd, zu deren Gelingen jeder Einzelne beigetragen hat. Ein für alle unver-gessliches Erlebnis. Wir freuen uns, den einen oder anderen bald, wo und wann auch immer, wiederzusehen.
Bis dahin, bleibt´s gesund…und vergesst Pferd und Hunde nicht!
Text: Fiona und Karsten Alt und Fotos: Thomas Ix.

Mehr von ihm unter foto-ix.de