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Es kommt auf den Augenblick an

Ein Jahreswechsel ist immer Anlass das Gestern und das Heute gegenüberzustellen und Erwartungen an ein Morgen zu formulieren. Camill von Dungern, seit 40 Jahren Master der Niedersachsen-Meute und gerade als "verdienstvoller Förderer" ausgezeichnet durch die Persönlichen FN-Mitglieder, hat das getan. Er hat die Schleppjagd im Laufe der Zeiten betrachtet.

Im Hinblick auf die Recherchen zum 150jährigen Jahrestag der Schleppjagd in Deutschland, der im November in Isernhagen gefeiert wurde (Schleppjagd24 hat berichtet) ist von Dungern auf einen Text von Oberst a.D Felix Bürkner gestoßen, der sich mit dem Jagdreiten befasst. Bürkner war vor dem 1. Weltkrieg Offizier am Militär-Reit-Institut (MRI) in Hannover und zu dieser Zeit einer der erfolgreichsten Reiter in Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er einer der besten Ausbilder in Deutschland. Dieser Text war für von Dungern die Basis für Rückschau, Vergleich und Ausblick für unseren Sport. Hier ist sein „Wort zu 2018“.

„Zu den Zeiten des Kgl. Preuß. Militärreitinstitutes war das Jagdreiten ein Hauptzweig bei der überaus gründlichen reiterlichen Ausbildung der auf ein bis zwei Jahre  nach Hannover kommandierten Schüler. Vom 1.Oktober an wurden etwa drei Monate lang Wildjagden, im Sommer etwa ein bis zwei Monate Schleppjagden geritten, die einstmals mit der berühmten 25-Km-Schleppe endeten. An diesen Schleppen nahm auch jedes Jahr ein Kursus von Stabsoffizieren der Kavallerie teil, die sich dadurch eine Qualifikation zum Regimentsoffizier erwarben.
Die an der Reitschule selbst gezogene Meute bestand aus 50 bis 75 Koppeln Fuchshunden, von denen kleine, sorgfältig ausgewählte Teilmeuten an einige Regimenter zur Jagdzeit ausgegeben wurden. Die Pflege und Führung der Meute und die Auswahl des Wildes oblag dem Oberpikör. Sie unterstand dem Master, dessen Aufgabe das Aussuchen und die Anlage von Wild- und Schleppjagden, sowie die Führung der Meute während der Jagd und die Ausbildung eines Bestandes guter Jagdpferde für hohe Gäste war. Die Piköre, vor allem der Oberpikör und der Master, behielten viele Jahre ihre bevorzugte Dienststellung. Sie kannten jeden Hund und hüteten jeden Hund wie ihren Augapfel. Wehe dem, der ihre Kreise störte!
Die berühmtesten Oberpiköre der Vorkriegszeit waren Peißker(1874- 1905), und der kürzlich in Isernhagen in vollster Frische 80 Jahre alt gewordene ehemalige 4. Dragoner Hildebrand (1896- 1923). Die Namen der berühmtesten Master waren seit 1888 der damalige Rittmeister Eben, Graf Spee, Graf Fritz Königsmarck, v. Rosenberg. Der letzte Master der Heeres-Reit- und Fahrschule(Nachfolge Institut des MRI )  war der Rittmeister( heutige Generalmajor a.D. ) Horst Niemack.
Herz und Lungen mußten in Ordnung sein. Oft stundenlanger Anmarsch zum Rendevous. Lange Jagden bei jedem Wetter und  oft tiefem Boden, Heimritt vom Halali bei Dunkelheit, Regen, Nebel und dann Schnee. Oder zu den Schleppen Abritt spätestens 4.30 Uhr früh, und recht feierliche Hindernisse: Reihen von Koppelricks, durchschnittlich 1,30 m fest, nachgemessen einzelne sogar bis 1,47m und 1,54m, auch absolut fest, seinerzeit vom Grafen Königsmarck sogar noch mit Bandeisen versteift. Als aber damals von elf guten Jagdpferden neun fielen und nur zwei, darunter das des Chefs , herüberkamen, meinte man doch: mit etwas weniger käme man auch aus. Häufig kam der Kronprinz zu den Jagden nach Hannover und bekam immer „etwas“ vorgesetzt. So die Serie der 1,30m Ricks, den Zahlmeistergraben, die Auter, oft die Wietze, die es durch die unterspülten Ufer in ihren Windungen „in sich“ hatte.
Bei den Wildjagden in Hannover wurde allgemein der Keiler gejagt“  Soweit das Zitat des Oberst Bürkner.
Wenn wir heute sagen, daß Isernhagen unsere schwerste Jagd ist, stimmt das zwar. Aber wir müssen erkennen, dass früher noch ganz andere Leistungen gebracht wurden.
Und wenn wir über 150 Jahre reden, müssen wir wissen, daß  das Jagdreiten schon lange eine Beschäftigung an den Höfen Europas war (und damit auch die Schleppjagden zur Ausbildung der Hunde). So auch in Celle und Hannover. Nachdem der Kurfürst Georg I von Hannover Anfand des 18 Jahrhunderts gleichzeitig König von England wurde verlegte er seinen Wohnsitz nach London, kam aber doch häufig zum Parforcejagdreiten nach Niedersachsen. In seiner Regierungszeit und der seines Sohnes Georg II wurden nachweislich über 400 Hunde von Niedersachsen nach England abgegeben. Nach den Befreiungskriegen wurde dem Hof in Celle die Meutehaltung zu teuer. Privatleute unter Leitung des Freiherrn von Halket gründeten den Celler Parforcejagdverein, der die Meute weiter führte. Zusätzlich wurden 24 Hunde aus England importiert. Dieser Verein wurde 1841 nach Walsrode verlegt. 1866 nach der Annexion durch Preußen wurde der Verein aufgelöst. .80 Prozent der Hunde gingen mit dem Pikör Knabe nach Hamburg. Dort wurde  ein Schleppjagdverein gegründet. 20 Prozent gingen nach Hannover, wo der Rittmeister von Rosenberg( später General) einen Parforcejagdverein gegründet hatte.  Er stieß auf großes Interesse bei den Offizieren des  neugebildeten 13. Ulanen Regiments in Hannover, die mit ihrem Beitrag von jeweils 20  Talern ermöglichten, diese  kleine Meute zu erwerben. 1867 wurden die ersten Jagden geritten: Schleppjagden!!
„Besonders waren im Felde die Lehrer und Schüler des MRI stets zahlreich vertreten“ (v Dincklage, Auf Reitschule). Als im folgenden Jahr -  am 1. Oktober 1868- der König aus dem Kronfideikommiss-Fonds 20.000 Mark zur Unterhaltung einer Meute für die Jagd-Reitübungen  des Instituts und außerdem die Jagdpachtkosten, wurde die Jagdverein_Meute mit allem Zubehör vom MRI übernommen (Quelle: v Dincklage,.aaO S 57 u 58)
Nach 1871 wurde die Meute durch Zukäufe aus England weiter verstärkt.

Einer der letzten Oberpiköre der Meute war der Wachtmeister Mergen (Foto), der auch den Umzug von Hannover nach Krampnitz mit begleitete. Im 2. Weltkrieg wurde er wieder reaktiviert für die Versorgung der Meute. Als die Russen näher kamen flüchtete er mit den Hunden in Richtung Westen und wurde im Raum Uelzen von den Briten aufgebracht. Diese verteilten die  Hunde auf mehrere Regimenter und u.a. auch auf die Queens Bays in Fallingbostel. Die Kopfhündin der Meute bekam im November 1951 Welpen. Diese bildeten unter anderem .die Grundlage und den Stamm der Niedersachsen Meute.
Was sagt uns das alles Heute?
Die Leistungen der Hunde und auch der Pferde waren enorm. Deutlich größer als das, was wir heute unseren Pferden in der Regel zutrauen.
Zum Beispiel 1913 bei der 25-Kilometer-Schleppe - wohlgemerkt in einem (!) Run -  kam das letzte der 135 Pferde nach 51 Minuten an. Nur eines der gut trainierten Pferde behielt einen dauernden Schaden.
Gute Ausbildung  und gutes Training waren die Grundlagen. Das führte dann zu diesen enormen Leistungen.
A propos Ausbildung: Wir kennen ja auch (immer bei den anderen) diese Bilder von pullenden Pferden, die kaum zu dirigieren sind. Am  MRI nannte man diese Art der Fortbewegung auf dem Pferd : „Fahren“
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, daß Geschichte sich nicht irgendwie entwickelt oder ergibt. Es kommt immer auf die Menschen an, die sich in ihr bewegen. Auf die Frauen und Männer der Gegenwart, die gestalten, vorantreiben oder auch nicht. Wie zum Beispiel die Herren v. Rosenberg, v. Krosigk, v. Loesch.
Mein roter Frack zum Beispiel  ist alt, hat viel gesehen. Aber ohne die Personen, die in ihm stecken, ihn tragen  und von A nach B bringen, hätte er das alles nicht erlebt. Ich habe ihn geschenkt bekommen als Dank für eine Beratung und Hilfestellung in Ausübung meines Berufes. Er stammt von Hans-Wilhelm Vogeley, besser von dessen Vater. Vater Vogeley  war als Zivilist Gast bei der KS, Kavallerieschule - zum Reiten und zum Feiern. Eines Tages wird vielleicht einer meiner Söhne oder Enkel diesen Frack tragen. So sind auch wir alle Glieder in dieser Kette von Menschen, Zeiten und Erlebnissen. Wir tragen Traditionen weiter, gründen neue etc.
Aber: Wir müssen unser Leben in der Gegenwart führen. Es kommt auf den Augenblick an.
Also lasst uns diesen Augenblick bewusst und dankbar erleben und gleichzeitig fröhlich zurückblicken. Und das voller Spannung und Zuversicht auf die Zukunft.“


Text: Camill von Dungern, Fotos: Bernd Eylers und Archiv

Schleppjagd24 wünscht ein Frohes Neues Jahr 2018 und allzeit „Gute Jagd“