Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und dabei das Nutzererlebnis zu verbessern. Mit der Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok Mehr Informationen

Hommage an legendären von Esebeck 

Lesen bildet – sagt man. Und schon das Lesen eines einzigen Buches kann das ganze Leben verändern. Wenn es denn das „Grüne Buch“ ist, so wie es dem Mecklenburger Pfarrerssohn Gabriel Rodenberg in jungen Jahren aus einem Haufen Bibliotheks-Ausschuß zum Verbrennen in die Hände gefallen ist. In dieser Lektüre hat er sein Vorbild entdeckt und sein Lebensziel. Jagdreiten und eine Meute haben – das wollte er. Hirngespinst in DDR-Zeiten. Nicht nur vor diesem Hintergrund war der „Tag der Einheit 2017“ etwas ganz Besonderes in Vanselow.

Der Freiherr Hans Asmus von Esebeck ist legendär im Kreis von Jagdreitern. Gefallen 1918 in Frankreich, gilt er noch heute als der bekannteste deutsche Schriftsteller und Übersetzer von Literatur zur Jagd. Unter dem Pseudonym „Flying“ hat er viele Jagdberichte in Zeitschriften veröffentlicht. Seine Bearbeitungen der „Reiterinnerungen“ von Whyte-Melville und „Nimrods Tagebuch“ sind lebendige Klassiker. Der Mecklenburg-Vorpommersche Schleppjagdverein „von Esebeck“ hat ihm in seinem Namen ein Denkmal gesetzt und jetzt ein ganz besonderes emotionales und sportliches Stiftungsfest in Vanselow und am Schloss Broock gefeiert. Ein Enkel des Namensgebers war als Ehrengast dabei.



Die persönliche Verbindung zu diesem, Asmus Freiherr von Esebeck, hat sich erst kürzlich ergeben als der jetzt 83jährige aus Unterschwaningen in Bayern ein Fotoalbum seines Großvaters entdeckte und im Internet auf Spurensuche gegangen war. Über das Kreishaus in Demmin stieß er auf den Mecklenburger Schleppjagdverein und besuchte jetzt, begleitet von Familienmitgliedern, den Master und erlebte zum ersten Mal die Atmosphäre einer Jagd. „Ich bin völlig überwältigt“, gestand der Architekt, der im Frankenland  aufgewachsen ist und die Passion seines Großvaters nur aus Familiengeschichten kannte. Die Leidenschaft für Pferde und die Jagd hat aus biografischen Gründen einen Bogen um ihn gemacht, aber der Virus lebt in seinen Kindern weiter. „Jetzt verstehe ich meine Töchter und Enkel besser“, sagte der Senior nach der Schleppjagd, die er auf historischem Boden mit dem Fernglas begleitete. Die grüne Pikör-Satteldecke mit dem Emblem der Meute, die er beim Dinner zum Stiftungsfest zu seiner Aufnahme als Ehrenmitglied erhielt, erntete bereits begehrliche Blicke.



Vor 180 Jahren ist am Schloß Broock bei Demmin die Parforcegesellschaft Broocker Meute gegründet worden. H.A. Freiherr von Esebeck führte die Hunde als deren letzter Huntsman. Sein Bericht von 1910 im „Grünen Buch“ wurde die Triebfeder für Gabriel Rodenberg, der nach dem Mauerfall mit anderen Mecklenburger Reitern – darunter auch der Vize-Master Detlef Neumann - den jetzigen Schleppjagdverein gegründet hat. Zum Stiftungsfest der Broocker Meute hat er sich eigens eine Ulanen-Uniform  schneidern lassen so wie sie sein Vorbild getragen hat, der zuletzt Major im 2. Pommerschen Regiment Nr.9 in Demmin gewesen ist. „Meine persönliche Reminiszenz“, nannte Rodenberg die textile Hommage an seinen Vorgänger, die nach diesem einmaligen Tragen in sein Jagdzimmer wandert. Nach der Reinigung selbstverständlich, denn das gute Parade-Stück hat im Einsatz leicht gelitten. „Ich bin durch die Platanen geschrammt“, klaubte Rodenberg beim Stopp die Blätter hinter dem Koppelriemen hervor.



Ein deftiges Mecklenburger Frühstück im Stall, Gesang und Einkehr in der kleinen Kirche, Horn-Konzert der Usedomer Jagdhornbläser mit Daniela Heuer und Gast-Bläsern aus drei weiteren Bundesländern – dann gingen am Tag der Einheit, zum Stiftungsjubiläum, 40 Reiter hinter 40 Foxhounds auf die Schleppen im malerischen Tal der Tollense, von Vanselow zum Schloss Broock, wo alles begonnen hat. Während Vanselow als Sitz der Familie von Maltzahn (RWS) bereits wieder wunderbar in altem Glanz erstrahlt, liegt Broock noch in Trümmern. Aber der Marstall ist schon wieder renoviert, und so sind Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart vollends eins geworden bei diesem Stiftungsfest.



Zu Zeiten der Familie von Seckendorff war Broock ein bekanntes Gestüt. „Das größte Schimmelgestüt in Vorpommern“, hat Christian Schmidt herausgefunden. Der Bayreuther ist Projektleiter für die neuen Besitzer, Architekt Stefan Klinkenberg und seine Frau Monika, die aus dem Schloss ein Event-Zentrum in ganz großem Rahmen machen wollen. Kongresse, Festivals, keine Ferienwohnungen oder Trauungen – „und nichts mit Pferden“, meint Klinkenberg. Aber Christian Schmidt, der sich seit Jahren mit der Geschichte von Broock befasst hat, sieht das etwas anders. „Schön, dass die Pferde wieder hier sind. Broock ohne Pferde, das geht eigentlich gar nicht“, begrüßte er die Jagdgesellschaft am Stopp. Fast 2.500 Quadratmeter Haus und nur noch 7,5 Hektar Land, nicht mehr 2000 wie zu den Zeiten als hier 70 Mutterstuten gehalten wurden – eine Herkulesaufgabe! „Wir wünschen viel Kraft und 10.000 Zentner Ausdauer“, bedankte sich Master Rodenberg vor laufenden Fernseh-Kameras für die Einladung der neuen Hausherren, im nächsten Jahr mit den Hunden wieder zu kommen. Bis zum echten Wiederaufbau werden wohl noch zwei Jahre vergehen. Vorher muss die Einsturzgefahr gebannt und das Dach wieder gedeckt werden.


Und wie so oft bei Schleppjagden: Der „Gänsehaut-Moment“ fand abseits der Zuschauer statt. Ein mächtiger Rothirsch trat im Wald der nach der Schleppe still stehenden Meute entgegen. Er wurde zu Pferd abgedrängt und wanderte gemächlich zur Seite. „Die Hunde haben das gemacht, was sie gelernt haben: sie sind bei mir geblieben“, berichtete Master Rodenberg am Stopp - noch ganz geblendet von diesem einzigartigen Augenblick.
Das hätte „dem alten Esebeck“ bestimmt auch gefallen.


Text und Fotos: Petra Schlemm