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Vom Beutemachen zur sportlichen Schleppe

1934 soll es gewesen sein. Viel zu häufig wird die Auffassung vertreten, die Schleppjagd habe sich aus einem Verbot der Hetzjagd Mitte der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts entwickelt. Ein Blick zurück zeigt, dass dieses völlig falsch ist und belegt zudem eine wirklich spannende Geschichte, die tatsächlich viel älter ist. Eugen Klein hat nachgeforscht.

1866, im Deutschen Bruderkrieg zwischen Preußen und Österreich, verlor das Königreich Hannover seine Unabhängigkeit und wurde von Preußen annektiert, die Welfen wurden entthront und Hannover wurde zur Preußischen Provinz Hannover. Preußen war dabei bemüht, den alten Zwist zwischen den Hohenzollern und den Hannoverschen Welfen schnell zu schlichten und verlegte mit Order vom 13.9.1866 die Preußische Militär Reitschule von Schwedt an der Oder nach Hannover. Dort nahm das Militär Reitinstitut am 4.7.1867 seinen Betrieb auf. Bereits 1867 veranstaltete das Institut mit seiner neuen Fox Hound Meute Schleppjagden auf dem noch heute berittenen Boden Isernhagens. Dass sich dabei vorwiegend um Schleppjagden handelte hatte mehrere gute Gründe: Zum einen eignete sich die dicht besiedelte und landwirtschaftlich intensiv genutzte Landschaft rund um Hannover nicht für die ungesteuerte Terrainreiterei einer Hetzjagd und zum anderen zwangen neue Waffensysteme die Kavallerie zu einem extrem schnellen und geländetauglichen Reiten, das eine gute Ausbildung der Reiter im Gelände voraussetzte. Schnell wurde der Trainingswert der Schleppjagd erkannt und durch das Einbinden erheblicher Hindernisse auf die langen Schleppen wurden alle Anforderungen der modernen Kavallerie vervollkommnet.


Bis zum ersten Weltkrieg 1914 wurden so rund um Hannover Schleppjagden geritten, deren Ansprüche weit über dem lagen, was wir uns heute vorstellen können. Es wurden zweimal die Woche Schleppen von 30 km im Relais mit bis zu 150 natürlichen und künstlichen Hindernissen geritten. Neben den Absolventen des Militärreitinstituts erfreuten sich diese Jagden auch bei den Zivilisten großer Wertschätzung. Hier gaben sich der Hochadel und der Reiter die Hand. Die Treffen zu den großen Jagden mit weit über 100 Reitern wurden von tausenden Zuschauern begleitet und unter anderem von Hermann Löns wortreich beschrieben.
Alles endete 1914 mit dem Marschbefehl in den ersten Weltkrieg. Von der einst staatlichen Meute des Reitinstituts aus über 100 Hunden überlebten lediglich 16 abgemagerte Exemplare die durch Not geprägten Kriegsjahre.
Nach dem 1. Weltkrieg wurde am 1. Juni 1919 die Kavallerieschule Hannover gegründet, deren Meute unter dem aus England stammenden Master Blakeley schon 1919 wieder die erste Schleppjagd in der Varenwalder Heide und der Isernhägener Feldmark veranstaltete. Dabei verzichteten die Bauern in dieser schweren Zeit auf jegliche Entschädigung und ermöglichten so den Fortbestand des Jagdreitens. Diese Entwicklung ist bereits das erste Mysterium der Schleppjagd, denn spätestens der erste Weltkrieg hatte gezeigt, dass die Kavallerie in ihrer bisherigen Form ihren Zweck verloren hatte. Allerdings wurde nun der Corps Geist und die Herausforderung beim Jagdreiten geschätzt. Dabei galt zu dieser Zeit die Schleppjagd als Prüfung, um Mut und Gemeinsinn zu beweisen. Trotzdem wurde 1938 die Kavallerieschule letztlich abgewickelt und in Kampnitz als schnelle Truppen neu aufgestellt. Der Schleppjagd selbst konnte das jedoch nicht viel anhaben, denn diese hatte sich bereits in Deutschland verbreitet.
Nach dem zweiten Weltkrieg hatte die Schleppjagd ihren militärischen Ausbildungsanspruch verloren und umso bemerkenswerter ist es, dass nun die Schleppjagd von den Pferdeleuten selbst weiter betrieben wurde.
Viele Reitvereine veranstalteten zunächst noch ohne Meuten die Jagden, aber das Überleben der Schleppjagd wurde so gesichert. Ab den 50er bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts erfreuten sich die Jagden großer Beliebtheit.
Als die deutschen Züchter in den 80er Jahren damit begannen, das Exterieur und die Gänge der Pferde über das Interieur zu stellen, wurden zwar wunderschöne Dressur- und sportliche Springpferde gezüchtet, diese waren allerdings überwiegend für den Gruppengalopp ungeeignet. Viele Jagdreiter besorgten sich nun ihre Pferde in Irland, ebenso viele hängten die Jagdreiterei aber an den Nagel und die Schleppjagd erlebte einen deutlichen Niedergang.
Trotzdem hielten etliche wackere Jagdveranstalter und viele „Besessene“ an ihrer Passion fest, wenngleich viele andere Reiter zunehmend die Nase rümpften.
Erst nach der Jahrtausendwende kam wieder besseres Pferdematerial aus Deutschland auf den Markt und heute erfährt die Jagdreiterei wieder einen zarten Aufschwung. Ausgebuchte Jugendlehrgänge und Jagdreitertage sind hierfür ebenso ein Indiz wie steigende Jagdfelder. Nach wie vor erfordert das Reiten im Gelände auf der Schleppjagd Mut, Geschicklichkeit, Reaktionsvermögen und ein besonders intensives Zusammenspiel von Pferd, Reiter und Hunden. Dass dabei die Reiter einer künstlichen Duftspur folgen und lebendiges Wild dabei nicht zu Schaden kommt, entspricht nicht nur dem Zeitgeist sondern auch dem historischen sportlichen Anspruch. Diese Faszination begeistert nun seit 150 Jahren die Menschen so dass das Jagdreiten auch wohl auch in der Zukunft seinen Platz finden wird.
Jedenfalls aber ist das 150. Jubiläum ein Grund angemessen zu begehen, weshalb in diesem Jahr in Isernhagen, also dem Geburtsort der ersten großen Schleppjagden kräftig gefeiert wird.
Siehe dazu auch hier.     
Text: Eugen Klein