Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und dabei das Nutzererlebnis zu verbessern. Mit der Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok Mehr Informationen

Erste Grenzland-Schleppjagd in der Altmark

Die Jagdhörner sind längst verklungen, das Hundegeläut ist verhallt. In Feld, Wald und Flur zwischen Schafwedel, Thielitz, Müssingen, Wiewohl und Schmölau ist wieder Ruhe eingekehrt. Die erste Grenzland-Schleppjagd in der westlichen Altmark ist Geschichte. Zeit für ein Resümee. Auch Schnupfen kommt darin vor.


Die diesjährige Fuchsjagd des Reit- u. Fahrvereins Bodenteich, ausgerichtet von der „Fähe“ Fiona Alt, führt Teilnehmer und Gäste direkt hinter die Landesgrenze bei Schafwedel in's kleine Schmölau in Sachsen-Anhalt. "Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr." In Anlehnung an dieses Kirchenlied geht zunächst Pastorin Stefanie Arnheim aus Suhlendorf in ihrer Andacht auf das Leben des heiligen Hubertus ein. Daraus resultierend erinnert Arnheim die Jagdgesellschaft an die besondere Verantwortung des Jagdwesens gegenüber der Natur und segnet abschließend Reiter, Pferde und Hunde. Denn auch die Niedersachsenmeute aus Dorfmark ist wieder mit von der Partie, diesmal sogar mit kleinem Jubiläum: die Meute ist diesjährig zum fünften Mal in Folge dabei. Neuneinhalb Koppeln sollen zeigen, wo es langgeht.
„Ein paar winzige Tropfen aromatisches Anisöl reichen als Duftspur für die Hundemeute. Diese Spur wird von einem Reiter für unsere englischen Fox Hounds gelegt und schon kann es losgehen“, erklärt noch vor Jagdbeginn der Master der Meute, Dr. Maximilian Sponagel, einem wissbegierigen Reporter. Doch soll es an diesem Tag etwas anders kommen…



Während die Jagdhornbläser des Bodenteicher Hegeringes unter der Leitung von Heinz-Ludwig Jütte "Aufbruch zur Jagd" blasen, formieren sich die Felder unter den Feldführern Anja Jochims, Maleica Oetzmann und der Lokalmatadorin Anja Niebuhr. Dem souverän agierenden Meuteführer stehen mit Simone Klatt, Ellen Antje Lamcken und Madeleine Wätjen bewährte Equipage-Piköre zur Seite. Mit Bettina Petzoldt und Claus Lamcken verfügt die Jagdgesellschaft zusätzlich über zwei sehr erfahrene Feldpiköre als "Joker". Das soll sich später noch auszahlen. Auf ein Jagdherrenfeld wird verzichtet, denn Jagdherrin Fiona Alt, die fraglos über die weitaus beste Ortskenntnis verfügt, fällt die Aufgabe zu, den Schleppenleger Michael Stutzbach über die Strecke führen. Bereits auf dem Weg zur Anlegestelle der ersten Jagdstrecke können sich die Zaungäste, die auf Schleppergespannen das Jagdgeschehen verfolgen, nicht sattsehen an den prächtigen Bildern, die sich ihnen bieten und das bei optimalen Wetterbedingungen mit Temperaturen um 15°C, bedecktem Himmel, aber trocken.
Allerdings: die sonst ausnahmslos sicher und spurtreu arbeitenden Hounds zeigen sich gleich zu Beginn eher unsicher und wirken auffällig unkoordiniert. Zudem ist am Ende der ersten Line ein Hund abhandengekommen, der trotz wiederholter Rufe mit dem Hunting-Horn nicht wieder auftaucht. Während die Equipage mit allen zu Gebote stehenden Mitteln versucht, den Hund wiederzubeschaffen, gehen die Felder ruhig-abwartend und gelassen in Warteposition. Am Ende stellt sich die Entscheidung des Meuteführers, die Jagd zu unterbrechen und den Hund zu suchen, als die richtige Entscheidung heraus. Die Feldpiköre suchen in Richtung der vorausgefahrenen Zuschauer, die Equipage orientiert sich an der bereits zurückgelegten Strecke. Und tatsächlich: am Meutewagen kann der Bursche dingfest gemacht werden. Mit etwa dreißigminütiger Verzögerung geht's dann in die zweite Strecke. Hier fehlen am Ende gleich drei Hunde! Zwei tauchen relativ zügig wieder auf, aber  einer bleibt zunächst "verschollen in der Altmark".

Er wird später am Pausenplatz aufgegriffen und dort der Meute wieder zugeführt. Was ist bei dieser Jagd anders als sonst? Großes Rätselraten und Mutmaßungen in alle nur denkbaren Richtungen, bis hin zu der Vermutung, möglicherweise sei versäumt worden, der wasserbasierten Schlepp-Lösung das Anisöl hinzuzufügen. Der Schlepper fühlt sich irgendwie schuldig: "…hab' ich alles richtig gemacht???" Verbindliche Aufklärung gibt´s allerdings heute nicht mehr…
Der Rest der Jagd ist schnell erzählt: Dank der vom Master hervorragend motiviert und konsequent geführten Meute gehen die restlichen Schleppen ohne besondere Ereignisse über die großartige und abwechslungsreiche Naturbühne. Knapp 19 Kilometer mit 25 Sprüngen durch Hoch- und Niederwald, über tunnelartig zugewachsene ehemalige Patrouillenwege (deren Befahren durch umfangreiche Sandaufhäufungen teilweise unmöglich ist), Wildäsungsflächen, 40 Hektar große, abgeerntete Roggenschläge, Grünland und Grenzanlagen, die inzwischen weitgehend von der Natur zurückerobert wurden (z. B. V-förmige Grenzgräben, die das Durchbrechen von Kraftfahrzeugen verhindern sollten). Dabei ein reizvoll, nicht zu anstrengend-hügeliges Gelände. Zugegeben, etwas mehr Wasser und noch etwas anspruchsvollere Hindernisse dürften schon sein. Der Weg ist das Ziel…

Zur kurzen Pause ist ein fröhlich-geselliges Sherry-Nippen angesagt und die Frage: "Wo waren die Zuschauer?" Antwort: "Die waren aus Versehen bereits bei der Erbsensuppe!" Schade.
Auch "deutsch-deutsch-geschichtlich" hat die Strecke allerhand zu bieten: vorbei an der ehemaligen Grenzübergangsstelle Schafwedel-Schmölau, dem ehemaligen "Grenzübersichtspunkt Müssingen" und einer Funkabhörstation bei Wiewohl. Zudem wird die ehemalige Grenze zwischen Deutschland und Deutschland tatsächlich sechsmal (!) zwischen "hüben und drüben" überquert. Wer hätte das vor nicht einmal dreißig Jahren für möglich gehalten!?

Mittendrin plötzlich ein Sprung, der alle vorherigen Dimensionen sprengt: eine  halbe Lkw-Ladung massiv-kompakter Birkenabschnitte - keine 2,50 m breit – dafür locker mehr als halb so hoch, zu einem Dreieck aufgeschichtet und echt beeindruckend. Da will wohl jemand zeigen, man kann auch anders. Diesen  „Max-Sponagel-Sprung" soll eigentlich der Namensgeber einweihen. Doch "Stutzi" hält sich nicht an die Regie und macht mit seiner wundervollen Oldenburger Schimmel-Stute unaufgeregt gemeinsame Sache, Sie nehmen das Ding selbstsicher und konzentriert-gelassen in allerbester Manier! Zum Schluss setzen die beiden noch "eins drauf" und nehmen nach dem "Halali-Sprung" einen zufällig daliegenden Eichenabschnitt, knapp zwei Meter lang, Durchmesser 1,20m plus Unterlegklötze und das zwanzig Meter vor großer Zuschauerkulisse. Das ist wahrlich großes Kino!

Am Ende weder verletzte Hunde, Pferde oder Reiter, alle angekommen. Zu den 32 Eichen-Brüchen gibt's Sekt oder Selters, pardon: O-Saft und Möhren für die großen Vierbeiner, Dann endlich das verdiente Curée für die Hunde bei Feuerschein. Das Ausreiten der neuen Füchse machen die Fähen unter sich aus: Gästejugendfähe wird Chalina Nachtigall aus Emern, Gästefähe Dijanndra Gußmann aus Wrestedt. Neue Vereinsjugendfähe wird Marit Elisabeth Leichtmann. Bereits zum zweiten Mal greift Ronja Domenz erfolgreich die Lunte und wird neue Vereinsfähe.



Beim zünftig-deftigen Jagdessen fällt die Jagdkritik von Claus Lamcken dem Jagdverlauf entsprechend sehr moderat aus. Besonders erfreut zeigt sich dieser angesichts der anfänglichen Verzögerungen über die große Gelassenheit der Reiter und ihrer Pferde und die insgesamt freundlich-entspannte Atmosphäre. Trotz einer Anfahrt von ca. 200 Km sei für ihn Schmölau heute ein lohnendes Ziel gewesen. Max Sponagels Fazit:  „Dank guter Organisation, vieler Unterstützer und freundlichem Entgegenkommen von Eigentümern sowie Jagd- und Landpächtern war es eine sehr schöne Jagd mit einem Jagdgelände, das unbedingt für Meutejagden erhalten bleiben sollte..." und erhält dafür breite Zustimmung im Publikum. Auch Anja  Niebuhr und Fiona Alt danken nochmals ausdrücklich allen Unterstützern, insbesondere dem Gasthaus Grote, das allein in´n Peerstall neunzig Jagdessen ausreicht und am Abend den großen Hubertusball in ihrem Gasthof in Lüder betreut. Als die meisten Pferde längst auf dem Heimweg sind, setzt fast unbemerkt leiser Nieselregen ein: "Fortes fortuna adiuvat", den Mutigen/Tüchtigen hilft das Glück...

Am folgenden Sonntagmorgen erhält Fiona Alt eine E-mail mit folgendem Inhalt: "…Die meisten Hunde hatten eine Entzündung in der Nase (quasi eine Erkältung)…" und  „daß die Hunde dann nur eingeschränkt riechen können…"
 Tja, da sieht man mal wieder; Hunde sind auch nur Menschen!
Text: Fiona Alt, Fotos: privat