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Hannover - die Reiterstadt

Im Rahmen des Jubiläumsprogramms „150 Jahre Schleppjagd in Deutschland“ berichtet Vanessa  Erstmann. Die Historikerin bereitet sich auf ihre Promotion vor und hat dazu auch die Geschichte des Militär-Reitinstituts aufgearbeitet. Darüber hat sie in Maspe im Rahmen des „Ritt durch die Zeit“ erzählt.

150 Jahre ist es nun her, als für Hannover eine neue Ära als international bekannte Reiterstadt begann. Es war eben zu jener Zeit als die preußische Militär-Reitschule aus dem brandenburgischen Schwedt an der Oder nach Hannover verlegt worden war.
Die renommierte Militärreitschule, die 1866, im Jahr der preußischen Annexion, quasi als Trostpflaster nach Hannover verlegt worden war, entwickelte sich hier zu dem zentralen Ausbildungsort für die deutsche Kavallerie. Die ersten Ausbildungskurse für die Offiziere in Hannover fanden im April 1867 statt, und zwar im alten Marstallgebäude am Hohen Ufer, dessen Tor heute noch in der Altstadt zu sehen ist.
Die Unteroffiziere erhielten zunächst ein eigenes Gebäude mit der ehemaligen Artilleriekaserne am Steintor. Erst im Herbst 1876 wurden beide Abteilungen zusammengelegt – auf Vorschlag von Stadtbaurat Ferdinand Wallbrecht, der mit den zentral in der Innenstadt gelegenen Gebäuden andere Pläne verfolgte und nun ein eigenes Reit-Institut in dem Dorf Vahrenwald im Norden der Stadt in Aussicht stellte.
Innerhalb von 1 ½ Jahren wurde unter seiner Aufsicht ein 64.000qm großes Gebäude samt Außenanlagen fertiggestellt. Das neue Reitinstitut an der Vahrenwalder Straße verfügte über Stallungen mit Platz für 400 Pferde, sechs Reitbahnen, Reitplätze, Hundezwinger und genügend Unterkünfte für die Offiziere. Die Aufstockung der Kavallerieregimenter sollte zudem noch den Anbau weiterer Gebäude notwendig machen.
Die Kavalleristen erhielten hier wie an keinem anderen Institut eine Ausbildung zu vorbildlicher Reitfertigkeit, für die sie bis zu zwei Jahre nach Hannover kamen. Schnell erkannten die Offiziere, dass sich die unberührten Flächen der Vahrenwalder Heide, die weitab vom eigentlichen Stadtgebiet lagen, hervorragend für das Jagdreiten eigneten.
Deshalb verwundert es auch nicht, dass sich Angehörige des Reitinstituts 1867 an der Gründung des Hannoverschen Jagdreiter-Vereins beteiligten.
Die Ansiedlung des Reitinstituts blieb nicht ohne Folgen für die Stadt.
Zum einen kam eine große Zahl an Offizieren und Unteroffizieren samt ihrer Reitpferde in die Stadt, was den Handel belebte. Zum anderen bereicherte das Institut die Stadt mit zahlreichen öffentlichen Sportveranstaltungen und gesellschaftlichen Ereignissen.
Hannover, das sich zu dieser Zeit anstrengte, den Ruf der Sportstadt schlechthin zu erarbeiten, erlebte also auch eine Attraktivitätssteigerung im städtischen Wettbewerb durch neue Sportarten wie Preisreiten, Jagdreiten und Polo, die vom Institut mit initiiert wurden.
Die Steigerung des städtischen Ansehens brachte auch wirtschaftliche Vorteile mit sich. Kein Wunder also, dass sich der Magistrat der Stadt schon früh darum bemühte, die Reiter zu ehren und Rennsportveranstaltungen finanziell zu fördern.
Und als die zunehmende Verstädterung die Reitflächen des Reitinstituts einzudämmen drohte, beeilte sich der Magistrat, ausreichend Flächen für die Reitjagden sicherzustellen.
Unter den Militär-Reitinstituten galt dasjenige in Hannover als Eliteschule der Reiterei und stellte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Mittelpunkt der kavalleristischen Ausbildung dar. Als dann 1914 die Offiziere kriegsbedingt zu ihren Regimentern zurückkehrten, wurde das Reitinstitut jedoch aufgelöst.
Nach dem Ersten Weltkrieg sollte das Institut jedoch in der Reichswehr als Kavallerieschule wiedereröffnet werden und noch einmal glanzvolle Jahre erleben. Es kamen nun auch noch eine zivile Reithochschule, Außenstellen und ein Jagdgelände in Isernhagen hinzu.
Weltruhm erlangte die Kavallerieschule vor allem mit den überragenden reitsportlichen Erfolgen, die die Mannschaft der Schule in den 1930er Jahren auf allen bedeutenden Turnieren der Welt feierte. Drei Jahre in Folge konnten die hannoverschen Reiter bei dem renommiertesten Springturnier ihrer Zeit in Italien, dem Coppa Mussolini, die Weltelite der Reiterei vor den Augen der Weltpresse schlagen. Auch der große Triumph bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin war Beweis für die Vorreiterrolle, die vom hannoverschen Reitsport ausging, denn alle sechs Goldmedaillen gingen an die hannoverschen Offiziere.
Die Kavallerieschule brachte Hannover durch ihre reitsportlichen Erfolge einen überregionalen Bekanntheitsgrad ein. Entsprechend unruhig wurde man in der Stadtverwaltung, als Gerüchte laut wurden, dass die Kavallerieschule aus Hannover verlegt werden sollte. Man fürchtete zu Recht, dass der Glanz, der durch die hannoverschen Turnierreiter in allen Teilen der Welt auf Hannover gefallen war, erblassen würde.
Daher versuchten die Stadtväter mit aller Kraft gegen die drohende Verlegung zu kämpfen und schickten dem Reichskriegsminister eine Denkschrift, in der die Unterstützung, die das Reitinstitut durch Hannover erfahren hatte, besonders betont wurde.
Doch es nützte alles nichts. Das Kriegsministerium suchte und fand einen größeren Truppenübungsplatz bei Potsdam. Ab Herbst 1938 verließen die verschiedenen Abteilungen der Kavallerieschule die Stadt.
Die große Zeit, als in Hannover die Elite der deutschen Kavallerie und des Reitsports ausgebildet wurde, war schmerzhaft beendet worden.
Aber noch lange wurde in Hannover die Erinnerung an die Reiterstadt hochgehalten. Heutige Spuren der ehemaligen Reitschule finden sich unter anderem auf dem ehemaligen Gelände in Vahrenwald, das zwar im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, dessen verbliebene fünf Reitschulbauten aber aufwendig restauriert und für gewerbliche Zwecke und als Wohnbauten genutzt werden.
Text: Vanessa Erstmann, Foto: ps