Jagdreiter für Dressur-Vierecke

„Pferde brauchen Platz!“ Es war ein merkwürdiger Demonstrationszug, der sich am Mittwoch lautstark und farbenfroh durch die Innenstadt von Hannover zog. Zweihundert Pferdesport-Anhänger, 26 Pferde – vier Polizeipferde mitgezählt - und 26 Hunde, davon 18 Harrier aus der Böhmer Meute, ordentlich aufgereiht zu zweimal neun an einer Ketten-Konstruktion, die erst am Vorabend erdacht worden war.

 

Und die Jagdhornbläser der Fermate, die jetzt eine ganz andere Wahrnehmung von der Leistung von Spielmannszügen haben.

 

Geordnet und in gelassenem Schritt zogen sie alle vom Schützenplatz los, am Maschsee entlang und am Sprengel-Museum vorbei bis hin zum Regionshaus in der Hölty-Straße.

 

Anlass war die angedrohte Schließung der Außenplätze des Reitervereins an der Burgwedeler Straße (schleppjagd24 berichtete). Die Beamten im Regionshaus sind der Ansicht, die drei Plätze seien „über Jahre gebaut, ungenehmigt und umweltschädlich in ein Landschaftsschutzgebiet“. Der Verein ist der Ansicht, die seit den 70er Jahren bestehenden Plätze seien nur saniert worden. Reitbetrieb ausschließlich in der Reithalle? Pferde im Käfig halten wie Geflügel? Ohne die Außenplätze könne ihr Verein nicht überleben, sagen die Isernhagener.  

„Wenn der erste Außenplatz verboten wird, dann werden weitere folgen.“ Die Sorge vor Präzedenzfällen hat viele Reiter nach Hannover gebracht, die dafür auch Anfahrten von deutlich mehr als 100 Kilometer in Kauf genommen haben. Die Niedersachsen-Meute und die Böhmer Harrier waren vertreten, die Cappenberger, Polospieler, Schulpferde-Reiter, Ponykinder, Kinder im Kinderwagen ebenso wie in Ehren Ergraute, die sich wohl kaum träumen lassen haben, dass sie sich noch einmal in einen Demonstrationszug einreihen würden. Prominentestes Pferd dürfte Marcolini gewesen sein. Der 22jährige Wallach ist mit seinem Reiter Karl-Hermann Alt (Warmeloh) internationale Vielseitigkeitsprüfungen gegangen, glänzt als Schleppenleger-Pferd und ist heute Lehrpferd für Alts kleine Tochter Marie.  

 

„Wir brauchen kein Verdienstkreuz sondern Unterstützung“, „Hannover ohne Pferde ist wie Niedersachsen ohne Ross.“ „Politik muss bürgernah bleiben“. „Grün + Rot = Pferde tot.“ Die Marschierer hielten mit ihren Ansichten nicht hinterm Berg, und vor dem Haus der Region in der Hölty-Straße machten sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube.

 

 Es war alles sehr höflich-verbindlich-bodenständig, angefangen vom Shanty Chor Isernhagen, der einen musikalischen „Gruß aus Isernhagen" überbrachte. Aber doch deutlich, als die Vorsitzende mit der „Hausfrauentruppe“ Porzellan zerschlug und Scherben auffegte. „Wo Prinzipien wichtiger sind als Menschen, können wir nicht fröhlich sein“, betonte der Vereins-Sprecher  Eugen Klein vor dem Umweltdezernenten, Regionsrat Prof. Dr. Axel Priebs. Der hörte mit deutlich säuerlicher  Miene zu und nahm die Protest-Noten entgegen, um dann zu versichern, niemand habe etwas gegen Pferdesport. Aber Sportstätten für Spitzensport gehören nicht in ein Landschaftsschutzgebiet und er sei gehalten, die Funktionsfähigkeit der Landschaft zu sichern.“

Geschätzt 80 Prozent der Marschierer von Mittwoch waren zum ersten Mal in ihrem Leben persönlich so „anfasst“, dass sie für ihre Überzeugung auf die Straße gegangen sind. Und die übrigen  zwanzig Prozent haben mit ihren früheren Protesten auch die Welt kaum zum Anhalten gebracht. Camilla von Dungern war „als Kunst-Studentin mal bei einer Demo“. Unternehmer Dr. Gerhard Bosselmann hat „als Stadtschülersprecher 1976“ mal Flagge gezeigt. Höchstens die Landwirte unter den Reitern hatten mehr Erfahrungen als Demonstranten und berichteten von Fahrten nach Bonn, Hannover, Hamm, wo es um Milch- und andere Quoten gegangen ist.


Diese Zahlen sagen  viel über das Land in dem wir leben, aber sie sagen auch etwas über Reiter und ihre Zurückhaltung Position für ihre Sache zu beziehen. Ob das immer christliche Demut ist und die bescheidene Einstellung, den unteren Weg zu gehen, ist zweifelhaft. Vielleicht auch Snobismus und Dickfelligkeit. Offenbar sind Jagdreiter und Breitensportler die Ausnahme - nicht nur gesellig sondern auch leichter bereit sich solidarisch mit anderen zu zeigen – und seien das auch Dressur- oder Springreiter, um deren Außen-Reitplätze es in Isernhagen doch in erster Linie gegangen ist. Sie hätten doch keinen „3000 Euro-Bock, den sie auf die Straße mitnehmen,“  sollen von denen einige gesagt haben auf die Aufforderung sich der Demonstration anzuschließen. Um dann auch noch ihrer Genugtuung Ausdruck zu geben, dass am Demo-Tag mal endlich Gelegenheit zu ungestörtem Training gegeben sei. Aber das hat nicht funktioniert: „Während der Demo wird die Halle abgeschlossen“, hat der Isernhagener Vorstand verfügt.

Es bleibt aber das: Es waren vielfach Jagd- und andere „ganz normale“ Reiter, die sich für Dressur-Vierecke in Isernhagen eingesetzt haben.

   
 
Text und Bilder: Petra Schlemm